STIMMEN & REZENSIONEN

Geheimgehaltene Tagebuchnotizen
– von wachsweich bis sehr gewagt

Wolfgang Kerkhoff, 25. Mai 2026

Im Seume-Verlag ist ein bemerkenswertes Buch erschienen: »Dunkel liegt die Zukunft vor uns«, herausgegeben von Volker Hildisch. Es handelt sich um Tagebuchnotizen, die ein Siemens-Manager während des Zweiten Weltkriegs niedergeschrieben hat. Warum sind diese mehr als 400 Seiten bemerkenswert? Weil sie an Authentizität nicht zu überbieten sind. Wobei „authentisch“ und „wahr“ nicht unbedingt Synonyme sind.

»Tenir un journal pour y voir clair« lässt Sartre seinen zweifelnden Roquentin in der Nausée sagen – ein Tagebuch führen, um durchzublicken, könnte man es übersetzen. Hans Henning von Pentz wollte festhalten, »wie man damals diese ungeheure Gegenwart täglich angesehen hat«. So schreibt er nach dem Krieg. Er ist ein guter Beobachter und hat offenbar auch regimenahe Quellen, denn seine Zeitanalysen sind fundiert, insbesondere dann, wenn der ehemalige Offizier über die militärische Lage reflektiert. Aber hatte er auch den Durchblick?

Den Polenfeldzug hält er am Vorabend des schrecklichen 1. September 1939 für »unvermeidlich«, also irgendwie auch in Ordnung. Später nennt er die Invasion eine »Schlacht«, die bald beendet sein werde. Er erlaubt sich sogar leise Kritik am Führer: »Friedensmöglichkeiten kommen wohl nicht mehr in Frage, da nur Drohungen gegen England. Keine ehrende Erwähnung der blutigen deutschen Opfer!« So kommentiert er Hitlers Rede vom 19. September. Wie ein Buchhalter führt er auf, wer aus der Bekanntschaft zu diesem Zeitpunkt schon gefallen ist.

Mit einem gewissen Stolz, jedenfalls ohne erkennbare sonstige Rührung, gibt er später Fronterzählungen seines Sohnes Ulrich wieder: »Ein Volltreffer habe dem im Turm sitzenden Oberleutnant den Kopf angerissen. Der unter ihm sitzende Fahrer sei völlig mit Blut besudelt gewesen, so dass die schwarze Uniform ganz rot gewesen sei.« Sein Junge habe bei all dem seinen Humor und seine keusche Bescheidenheit nicht verloren. Na gottseidank. Man kann diesen von Pentz nicht immer sympathisch finden.

Aber manchmal traut er sich doch etwas. Unter dem 7. Juli 1941 hält er fest: »Es ist nunmehr sicher, dass Hitler persönlich Befehle gegeben hat, keine Gefangenen zu machen, sondern alles totzuschlagen. Die Armeeführer sollen diese Befehle aber nicht weitergegeben haben. Wo aber noch Gefangene gemacht werden, soll die nachfolgende SS die Leute umbringen.
Außerdem soll ein Befehl bestehen, dass kein Soldat wegen Vergewaltigung von Frauen zu bestrafen ist. Ganz furchtbar. Dieser Gedanke, dass solche Befehle an unser Heer gegeben werden, bedrückt mich tief.« Sehr gewagt. Das durfte niemand lesen.

Es sind solche Passagen, die erahnen lassen, dass da jemand Mitläufer und Regimekritiker zugleich sein will. Das ist auch der Eindruck des Herausgebers Volker Hildisch, der sich mit der Familie von Pentz eingehend befasst hat und trotz schwacher Quellenlage sicher ist, dass der gottesfürchtige Tagebuchautor und ehemalige Hauptmann der Reichswehr spät, aber vielleicht nicht zu spät auf Distanz zu den Nazis gegangen ist. Zur adligen Widerstandsbewegung habe er bei aller erkennbaren Vorsicht Kontakte gepflegt.

Vorsicht war wohl auch im Spiel, als das Attentat vom 20. Juli 1944 zunächst mit keinem Wort erwähnt wurde. An dem Tag notiert Pentz in aller Sachlichkeit nur: »Die Frage ist, ob die Heeresgruppe Nord abgeschnitten wird oder ob sie imstande ist, einen Entlastungsstoß von Norden in die Nordflanke der vordringenden Russen zu führen. Meines Erachtens reichen ihre Kräfte dazu nicht aus. Die Treibstofflage spitzt sich auch immer mehr zu.« Vom Attentat erfuhr er erst am Tag danach, und dann folgt Schweigen – drei Wochen lang keinerlei Einträge.

Am 15. August – Pentz ist vom Urlaub (!) im Salzburger Land zurück – schreibt er: »Ich habe noch gar keine Notiz über das Attentat auf Hitler am 20. Juli gemacht. Kann in Gastein nur schwer ein zutreffendes Bild der ganzen Sache gewinnen. Einführung des Nazigrußes bei der gesamten Wehrmacht statt des alten militärischen. In Berlin dann allmählich die Erkenntnis, dass es sich um ein weit größeres Unternehmen handelt, das sich über das ganze Reich ausdehnt. Sehr viele Verhaftungen, aber ganz Genaues nicht festzustellen.«

Klar, eine Solidarisierung konnte gefährlich werden, aber diese Reaktion ist so wachsweich, dass sich hier noch einmal die Frage stellt: mehr Mitläufer, mehr Gegner?

Vor allem versteht er sich wohl als kundiger Analyst. Im November 1944 sieht er am Horizont einen Staatsbankrott. Die Militärausgaben, weitgehend auf Pump, hätten in fünf Jahren Krieg eine Deckungslücke von 280 Milliarden gerissen. Am Ende könnten es inklusive Bombenschäden 450 Milliarden sein: »Will man diese Summe mit 4 Prozent verzinsen und tilgen, so kostet dies jährlich 18 Milliarden. Dem stehen die normalen Staatseinnahmen mit maximal 10 Milliarden gegenüber. Das heißt, die Rechnung geht nicht auf, und sie ist nur mit Staatskonkurs zu lösen, sei es im Wege der Inflation oder der geregelten Abwertung.«

In Panik verfällt er deswegen nicht, sondern – verbindet in Schweden Geschäft und Vergnügen miteinander: »Volle acht Tage in Stockholm gewesen, vom 2. bis 11.12. – wie im Zaubergarten. Alles festlich beleuchtet. Konnte mich an der strahlenden Helligkeit, den schönen Läden, dem funkelnden Strom vor dem großen Schloss gar nicht sattsehen. Essen überall ganz vorzüglich.«

Nur: Die Dinge daheim in Berlin laufen eben schlecht, die dramatische Schlussrunde ist eingeläutet, was Pentz längst spürt. Dass der Rechtsvergewaltiger Roland Freisler bei einem Bombenangriff umkommt, findet er »viel zu milde!« Auch ein bisschen Selbstmittleid macht sich breit: »Neulich habe ich meine erste Volkssturmbelehrung über mich ergehen lassen müssen. Ca. 25 andere Krüppel wurden mit mir von einem gutartigen sächsischen Spießer in SA-Uniform belehrt. Dann erhielt ich am nächsten Tage die schriftliche Mitteilung,dass ich zum stellvertretenden Gruppenführer (Gruppe 8 Mann) im Volkssturm IV. Aufgebot ernannt sei. Man bringt es weit.«

Am 18. April 1945 eine späte, aber weitreichende Erkenntnis: »Hitler hat einen furchtbaren Verzweiflungsbefehl an seine Ostsoldaten herausgegeben: Verräter müssten umgelegt werden. Die Russen wollten die Frauen und Mädchen zu Kasernenhuren machen! Unvorstellbare Worte von dem Staatsoberhaupt Deutschlands.«

Der 8. Mai lässt Pentz eher kalt. »Nirgends ein Zeichen von Vernunft erkennbar! Auch bei uns nicht.« Das gibt er am 30. Mai zu Protokoll. Und warum? »Alle ehemaligen Parteigenossen werden zu Parias erklärt. Sie werden aus ihren Stellungen entlassen, und ihre Häuser werden ihnen weggenommen.« Dies aber sei eine »Fortsetzung des Nazigeistes nur mit anderem Vorzeichen.« Seines Erachtens »sollte man nun allen, die nichts Kriminelles getan haben, vergeben und ihnen eine Bewährungsfrist schenken, und die anderen vor ordentliche Richter stellen.«

Das Thema beschäftigt auch sein unmittelbares Umfeld. »Gestern Heidenreich bei mir. Man macht ihm Schwierigkeiten wegen seiner früheren Parteibonzenschaft. Er findet es so entwürdigend, sich rechtfertigen zu müssen, was an sich bei seiner Haltung gut zu machen ist. Wenn wir nur eine vernünftige Reichsregierung bekämen, die wenigstens für die innere Moral gute Leitsätze herausbrächte!«

Apropos Würde: Im August 1945 findet er die »Würdelosigkeit gegenüber den Feinden ekelhaft«: Jedes deutsche Mädchen sei glücklich, wenn es sich einem Amerikaner in die Arme werfen darf: »Unsere Frauen und Töchter reißen sich darum, 'housekeeper' oder 'waitress' bei den Amerikanern zu werden.« Ja, er schreibt »Feinde«, was gar nicht gut in die Zeit passt. Herausgeber Hildisch bescheinigt Pentz nach seinen eigenen Recherchen eine »hohe ethische und moralische Grundeinstellung«. Manchmal, so scheint es, hatte dieser Kompass aber unter starker Deklination zu leiden.

Dieses Buch ist keine kritische Ausgabe. Aber es ist fast immer spannender Lesestoff, wie man ihn selten findet, zumal der Tagebuchschreiber sich auch sehr treffend auszudrücken versteht. Historisch lehrreich, verdienstvoll von Verlag und Herausgeber verfügbar gemacht. Eine akademische Bearbeitung dieses Stoffes und eine Auflösung des reichlich vorhandenen Name Droppings wäre eine Doktorarbeit wert.

Wolfgang Kerkhoff, 25.5.2026

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