Als 250 Literaten die Kultur retten wollten

Wolfgang Kerkhoff // Juli 2025

Der Erste Internationale Schriftstellerkongress in Paris

Gustav Regler (© Annemay Regler-Repplinger)

„Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen …“ Das könnte ein aktueller Text sein. Er ist aber 90 Jahre alt. Formuliert hat ihn André Gide, um für dieses Treffen vom 21. bis 25. Juni 1935 Gleichgesinnte zu mobilisieren. Die Initiative war sowohl von Exildeutschen und französischen Intellektuellen als auch von Russen ausgegangen. Ziel des Kongresses sollte es sein, Möglichkeiten zur Verteidigung der Kultur „zu prüfen und zu diskutieren“. Mitgedacht war immer: Verteidigung vor den Nazis, die jenseits des Rheins Bücherberge anzündeten.

Die Angaben über die Zahl der Beteiligten schwanken, aber es war eine große Sache: 250 registrierte Teilnehmer aus 38 Ländern, der große Theatersaal der Mutualité über fünf Tage mit Zuschauern fast immer voll besetzt. Lautsprecher wurden aufgestellt für alle, die nur Stehplätze in den Fluren bekommen hatten. Große Namen prägten die Atmosphäre: Brecht, Feuchtwanger, Musil, Heinrich Mann, Anna Seghers, Malraux, Aragon, Breton, Pasternak, Ehrenburg …

Maison de la Mutualité

Ein paar Verwicklungen

Auch ein Saargebietler trat ans Mikrofon – Gustav Regler. Am dritten Kongresstag war er an der Reihe. Sein Panel hieß „Schöpferische Fragen und Würde des Geistes“, aber sein Beitrag fiel dann so politisch aus, dass er zu ein paar Verwicklungen führte.

Regler, damals noch stramm kommunistisch, ließ sich nämlich zu einer ehrlichen Selbstkritik hinreißen. Er sprach von einer Niederlage der Partei. Sie habe Hitlers Aufstieg nicht verhindern können, weil sie sich mit den verkehrten Themen aufgehalten habe: „Wir hatten gekämpft gegen die falsche Theodizee von Hegel, während man serienweise schon die Büsten des neuen Gottes Hitler fabrizierte. Wir stritten über idealistische Philosophen, ohne zu merken, wie nah uns die metaphysischen Gespenster schon gerückt waren.“

Ein Ringer im roten Trikot

Er sprach auch von Entfremdung: „Einige von uns flüchteten in die Verachtung des Volkes, Flucht, die unser Charakter und unsere Treue uns verbieten.“ Er habe mit seinem Vortrag erreichen wollen, dass alle die Unsicherheit spüren, die mit Hitler unter die Menschen gekommen war, und dass sie enger zusammenrücken, so erinnert er sich später. Er sei sich vorgekommen „wie einer der Ringer auf den Marktplätzen, die im roten Trikot vor die Massen treten und den Tollkühnen anrufen, der es wagen möchte, es mit ihren Muskelpaketen aufzunehmen“. Sein Tonfall traf jedenfalls die Gemütslage des Saales, und das Unerwartete geschah: Die Menge stand auf und intonierte spontan die Internationale.

Überraschung im Saal: „Beifall und große Bewegung“ registriert der Reporter der Baseler Rundschau, der im Saal anwesende Heinrich Mann sinniert: „So weit sind wir noch nicht!“ Und der Gesang wird abgebrochen.

Portrait des Schriftstellers Gustav Regler, 1944

Gustav Regler (1898-1963), geboren in Merzig, zählt zu den bedeutendsten saarländischen Schriftstellern. Seine Bücher sind in vier Dutzend Ausgaben in aller Welt erschienen.

1929 trat Regler in die KPD ein. Es war seine Reaktion auf den zunehmenden Nationalsozialismus auch im damals noch französisch verwalteten Saargebiet. Er engagierte sich im Abstimmungskampf gegen Hitler und musste nach der Eingliederung seiner Heimat ins Deutsche Reich wie viele andere Intellektuelle ins Ausland fliehen.

Angesichts des Stalinismus wandte er sich später von der KP ab.

Die Ereignisse in Paris 1935 wurden unter anderem von Ralph Schock detailreich erörtert. Von ihm stammt auch eine erweiterte Darstellung des publizistischen Widerstands gegen den Anschluss des Saargebiets an Hitlerdeutschland im Jahr 1935: „Nie zu Hitler!“, als Anthologie herausgegeben von Verlag Naumann Beck / Verlag für kluge Texte, Homburg 2025.

Johannes R. Becher vom Kongresskomitee, vor Wut rot im Gesicht, zitierte Regler zu sich. Um Fassung ringend, beschimpfte der Poet den Kollegen und Gesinnungsgenossen: „Du bist wahnsinnig!“ Regler kapierte nicht sofort, war eher noch stolz auf das, was er rhetorisch ausgelöst hatte. „Du hast alles verpfuscht“, fuhr der spätere DDR-Kulturminister fort. „Du hast uns demaskiert. Jetzt ist es kein neutraler Kongress mehr. Das schöne Geld!“ Dabei schlug er sich vor die Stirn und rief: „Du wirst aus der Partei ausgeschlossen werden, du bist ein Saboteur!“

Rede von Johannes R. Becher, 1951  (© Foto: gemeinfrei, wikipedia.org)

Vier Tage später wurde in einer Parteisitzung Regler tatsächlich eine Rüge erteilt. Das Argument: „Es ist nicht Sache eines einzelnen Genossen, zu bestimmen, wann die Internationale gesungen wird, besonders jetzt nicht, wo wir eine Volksfront haben und uns zurückhalten müssen.“ Man sei nun einmal „in einer Periode der Tarnung“. Wer diese Tarnung aufdecke, sei ein Konterrevolutionär, sagte der Mann von der Parteiführung.

Regler ging das sehr zu Herzen: „Ich sank in mich zusammen. Durch die Rauchschwaden des kleinen Hinterzimmers sah ich Anna Seghers mit verkniffenen Augen dem Mann zunicken.“

War das Tarnungsverrat?

Diese Schilderung der Ereignisse stammt von Regler selbst. In der Autobiografie „Das Ohr des Malchus“ kann man sie nachlesen. Allerdings deckt sich diese Erste-Hand-Information nicht ganz mit dem Inhalt von Parteidokumenten, die Wolfgang Klein in Moskau aufgespürt hat. Der bis zur Wende linientreue Historiker und Romanist schreibt: „Nach seiner Trennung von den Kommunisten zeichnete Regler in seinen Memoiren mit denunziatorischen Worten ein böses Bild von Becher, der ihn in den Kulissen des Tagungssaales wütend empfangen und verratener Tarnung bezichtigt habe.“ In dem „Tadelsbeschluss“ von Ende August sei von Tarnungsverrat allerdings gar nicht die Rede. Der Hauptvorwurf der „kommunistischen Schriftstellerfraktion“ von Paris lautet: „Die Rede enthielt eine ebenso unrichtige wie besonders vor diesem Forum deplatzierte Kritik an der Partei.“ Sie habe auch nicht der „festgelegten Linie auf dem Gebiete der Literatur“ entsprochen.

Die Parteileitung wurde beauftragt, mit dem Genossen Gustav die Rede „Satz für Satz durchzusprechen und ihn kameradschaftlich kritisch von seinen Fehlern zu überzeugen“. In einem späteren Moskauer Dokument heißt es: „Wir schätzen Gustav als Genossen und Schriftsteller. Wir wissen, dass er gute Arbeit geleistet hat und sind weiter davon überzeugt, dass er wesentlich mehr leisten können wird, wenn er die Lücken seiner politischen Bildung ausfüllt.“

Härtere Folgen gab es nicht, Regler agitierte unbeeindruckt weiter im Namen der KP, von der er sich wegen Stalin aber Schritt für Schritt verabschiedete, und die er 1942 frustriert verließ.


Wolfgang Kerkhoff, Freier Autor Portrait

Wolfgang Kerkhoff war Zeitungs- und Onlineredakteur, hat lange als Texter und Pressesprecher für die saarländische Landesregierung gearbeitet. Als freier Autor widmet er sich historischen und kulturellen Themen. Er betreibt den Blog „MenschenWelt“ www.menschenwelt.info. Wolfgang Kerkhoff: „Demokratisch bis zum Anschlag. Stürmische Jahre der Saarpfalz“, Conte Verlag St. Ingbert, 2025. Mit einer Einführung von Jörg Bong (aka Jean-Luc Bannalec) und Illustrationen von Volker Schmidt-Gliaugir.

Weitere Publikationen von Wolfgang Kerkhoff:

  • „Über Nachhaltigkeit reden: Grenzen des politischen Marketings“ in: „Als gäbe es ein Morgen – Nachhaltigkeit sollen, wollen, können“ – herausgegeben von Alfons Matheis und Clemens Schwender, Metropolis-Verlag Marburg, 2021
  • „Der Tag im März. Protokoll einer ungewöhnlichen Quarantäne“, Kindle-eBook Download, 2020

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