‚…Am ersten Tage meines Aufenthaltes…‘. Die Großregion in Reisebeschreibungen zwischen Frühaufklärung und Vormärz

Prof. Dr. Sikander Singh // August 2026

Buchausgabe »Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius«

Das Jahrhundert der Aufklärung war auch das Jahrhundert der Reisen. Und wenngleich das Gebiet jenes Mittelreiches, das im Vertrag von Verdun am 10. August 843 Lothar I. zugefallen war, auch ein Jahrtausend später ein Spannungsfeld geblieben ist, in dem die französische und die deutsche Kultur einander sowohl wechselseitig durchdringen und ergänzen als auch gegeneinander streiten, wenngleich die Grenzregion für viele Reisende zwischen 1700 und 1850 nur Durchgangsstation auf dem Weg von oder nach Paris war, haben Schriftsteller und Künstler, Gelehrte und Kaufleute auch die Landschaften zwischen Verdun und Zweibrücken, Luxemburg und Straßburg besucht und beschrieben. Sie fuhren über Frankfurt am Main, Mannheim und Heidelberg, den Rhein flussaufwärts bis Kehl, dann weiter über Strasbourg, Lunéville, Nancy, Toul, Châlons-en-Champagne und Reims oder über die nördliche Route von Köln über Aachen nach Brüssel und von dort weiter über Lille in die französische Hauptstadt. Sie bereisten auch das Kurfürstentum Trier, die Herzogtümer Luxemburg, Lothringen, und Pfalz-Zweibrücken, die Grafschaft Nassau-Saarbrücken sowie jene kleineren geistlichen und weltlichen Herrschaften, die das Bild des Alten Reiches auch in dieser Region bestimmten.

Buchcover Neueste Reisen 01
Buchcover Neueste Reisen 02

Die meisten Reisenden, sofern sie nicht, hochgestellt und vermögend, mit einer eigenen Kutsche unterwegs waren, nutzten das seit dem 17. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nach englischem und französischem Vorbild ausgebaute Postkutschenwesen, das eben nicht nur dem Transport von Briefen und Warensendungen, sondern auch der Beförderung von Fahrgästen diente. Trotz entsprechender Bemühungen waren die meisten Straßen allerdings schlecht oder gar nicht gepflastert, die Passagiere saßen in den meist sechs- oder achtsitzigen Wagen eng beieinander, wurden in den noch nicht gefederten Kutschen bei jedem Schlagloch durcheinandergerüttelt, und vor den Widrigkeiten der wechselnden Witterung boten einzig Lederverdecke Schutz.

Die Fahrten, immer wieder unterbrochen von den regulären Pferdewechseln an eigens hierfür eingerichteten Stationen, waren jedoch nicht nur deshalb mühsam und gefahrvoll, weil die unbefestigten Straßen regelmäßig Rad- und Achsbrüche verursachten, sondern auch, weil die Passagiere unter den Grobheiten der Postillione zu leiden hatten und die Equipagen auf den einsamen Wegen Straßenräubern und Wegelagerern zum Opfer fallen konnten. Und obwohl die Reisegeschwindigkeit der Postkutschen durch die sukzessive Verbesserung der Verkehrswege im Laufe des 18. Jahrhunderts von etwa zwei Stundenkilometern im Jahr 1700 auf etwa sieben bis acht Stundenkilometer um 1800 gesteigert werden konnte, brauchte es viele Tage, zuweilen Wochen, bis das Reiseziel erreicht war.

Die deshalb notwendigen Übernachtungen in den Gasthäusern der Wechselstationen, in den Orten und Städten entlang des Weges waren ebenfalls von Widrigkeiten geprägt: Hierzu gehörten enge und schmutzige Schlafquartiere, schlechte und überteuerte Verpflegung ebenso wie die Heimsuchung durch Ungeziefer wie Mäuse, Wanzen, Läuse oder Flöhe. In der Regel war der Passagier gut beraten, neben dem Nachthemd und der Bettjacke auch eigenes Bettzeug mitzuführen.

Wie überhaupt ein Blick auf die Ausstattung Einblicke in die Strapazen gewährt, derer die Reisenden gewärtig sein mussten: So trug man ältere Kleidungsstücke, kräftige Stiefel, Hüte, die vor Regen und Sonne gleichermaßen schützten, für kühle Tage und zum Schutz vor Regen einen wärmenden Mantel. Geld, noch in Form von Münzen oder Wechseln, sowie Reisepässe, Empfehlungsschreiben und andere Briefschaften bewahrte man am Körper auf, während Taschen und Koffer auf dem Dach der Kutschen transportiert wurden, damit aber auch der Witterung ausgesetzt waren.

Buchcover Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius

Das Bild der idyllischen Reise mit der Postkutsche ist also eine Stilisierung, die erst im 19. Jahrhundert entstand, zu einer Zeit, da die Postchaisen bereits von Eisenbahnen abgelöst wurden und deshalb zu Sinnbildern einer vergangenen Epoche werden konnten. Die literarische Überformung der Reise durch die einseitige Fokussierung auf das Erlebnis der Landschaft und die Verschränkung von Naturstimmung und innerseelischem Erleben des Einzelnen im Sinne der Seinserfahrung der romantischen Poetik hat jedoch vergessen lassen, dass die langen und ermüdenden Fahrten mit der Kutsche für die gebildeten Passagiere des 18. Jahrhunderts die Möglichkeit zur Lektüre und zum gegenseitigen Austausch über das Gelesene eröffneten. Die gesellige Kultur zwischen Aufklärung und Vormärz nutzte auch diese Gelegenheit, sich Geschichten erzählend oder Romane und Erzählungen, Gedichte und Versepen vorlesend, die von den literarischen Texten evozierten Gefühlsstimmungen zu teilen und zu reflektieren. Nicht zuletzt verfassten die Reisenden während der eintönigen Überlandfahrten auch Aufzeichnungen über ihre Erlebnisse, topographische Besonderheiten, die Fauna und Flora, bedeutende Kulturdenkmäler, Eigenheiten der Bevölkerung in den Landschaften, die sie durchquerten. Die Reise wurde so in mehr als einer Hinsicht zu einem Bildungserlebnis. Wie überhaupt das Reisen sowohl von der Aristokratie als auch von dem gutsituierten Bürgertum als eine Möglichkeit erkannt wurde, Kenntnisse und Einsichten zu erwerben, welche für die ererbte oder angestrebte soziale Stellung unabdingbar waren. Insbesondere für die sich emanzipierenden bürgerlichen Schichten eröffnete sich die Möglichkeit, auf Reisen Bildung zu erlangen und hierdurch ihre Persönlichkeit zu entwickeln und auszubilden: Klassische Bildung wurde durch den Besuch kulturhistorisch bedeutsamer Orte vertieft, Begegnungen schulten die Geläufigkeit im Umgang mit Menschen; die politischen Verhältnisse anderer Staaten wurden ausgekundschaftet, landwirtschaftliche und gewerbliche Techniken angeeignet, Handels- und Korrespondenznetze geknüpft.

Indem seit den mittleren Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts Reiseberichte, -beschreibungen und -erzählungen künstlerisch gestaltet und die Anschauungen und Meinungen des Reisenden mit der sachlichen Schilderung topographischer Gegebenheiten verbunden wurden, erlangte das Genre eine bis dahin beim Lesepublikum nicht erreichte Verbreitung. Vor dem Hintergrund der sich entfaltenden Genie-Ästhetik des Sturm und Drang spiegelt sich in den Reiseberichten die Individualität des Reisenden und umgekehrt wird die beschriebene Welt zum Spiegel des reisenden Subjektes. Diese ästhetische Entwicklung der Gattung ist zugleich Ausdruck einer sich in Folge der Aufklärung verändernden Gesellschaftsform: Das Primat der die europäische Geschichte bislang prägenden feudalen Ordnung wich der Dominanz einer bürgerlichen Kultur.

Neben der Bedeutung der Reiseliteratur sowohl dem reisend Schreibenden wie dem lesend Reisenden Möglichkeiten zur Ausbildung seiner Persönlichkeit zu eröffnen, hatte die Gattung ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der Tradition der seit der frühen Neuzeit verbreiteten wissenschaftlichen Reiseberichte, die Funktion, den Leser zu belehren, ihn über geographische, botanische, zoologische aber auch historische und politische Merkmale der bereisten Länder in Kenntnis zu setzen: Die vermittelten Kenntnisse und Einsichten brachten dem Leser einen theoretischen wie praktischen Nutzen und wurden, nicht zuletzt auch aus diesem Grunde, auf eine unterhaltsame Weise vermittelt.

Buchcover Reisen der Vernunft durch Europa
Buchcover Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius
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Für den Verfasser wie den Leser von Reiseberichten ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war ebenfalls bedeutsam, dass die Schilderungen des Fremden, bislang Unbekannten auch als indirekte, zumeist zeit- und kulturkritische Kommentare zu den Verhältnissen in der Heimat verstanden werden konnten. (So lenkt Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 die Aufmerksamkeit des Lesers nicht auf die römischen Altertümer, sondern auf die politischen und sozialen Verhältnisse Italiens nach den Napoleonischen Feldzügen.)

Die Reiseliteratur des Vormärz, die mit Heinrich Heine und Hermann von Pückler-Muskau beginnt, hinterfragt diese Traditionen und stellt dem geschlossenen Bericht einer Reise und der auf ihr gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten ein anarchisches Drunter und Drüber von Ernst und Spiel, Spiel im Ernst, von Satire und Ironie, gedanklicher Tiefe und philosophischer Reflektion in fragmentarischer Form entgegenstellen. Die politische Forderung nach Emanzipation spiegelt sich auf diese Weise in Aufbau und Inhalt des Textes wieder.

Die Reiseberichte zwischen Aufklärung und Vormärz, die Erfahrungen, Beobachtungen und Einsichten in der Grenzregion zwischen dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und der französischen Monarchie festhalten, greifen diese literarischen Traditionen auf, variieren sie und schreiben sie fort. Auch wenn die Qualität im Hinblick auf ihr ästhetisches Potential und ihre literarische Innovationskraft in nur wenigen Fällen an die gewählten Vorbilder heranzureichen vermag, sind sie Ausdruck des unbedingten Willens der Zeit, das Wissen über die Welt für die Entwicklung der Persönlichkeit des Schreibenden wie des Lesenden nutzbar zu machen.

Die Ausstellung des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass dokumentiert eine Auswahl dieser historischen Reisen durch das Saarland und Luxemburg, durch Lothringen und das Elsass. Die seltenen, bibliophilen Erstausgaben sind einerseits eine Einladung, die Großregion durch das Perspektiv historischer Reisebeschreibungen neu zu betrachten. Andererseits sind sie Zeugnisse der Buch- und Druckgeschichte zwischen Aufklärung und Vormärz.

Die Ausstellung ist vom 26. August bis zum 3. November 2026 im Ausstellungsraum des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass zu sehen (Universität des Saarlandes, Campus Saarbrücken Gebäude B1 1, 66123 Saarbrücken). Weitere Informationen zur Ausstellung

Prof. Dr. Sikander Singh
Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass
Universität des Saarlandes
Campus Saarbrücken Gebäude B1 1
66123 Saarbrücken


Prof. Dr. Sikander Singh

Sikander Singh hat Germanistik, Anglistik, Amerikanistik und Kanadistik in Düsseldorf, Montreal und Zürich studiert. Seit 2011 ist er Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass und Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlandes.

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