Champagnerliebe

Volker Hildisch // November 2024

Plakat zum Kinofilm „Die Witwe Clicquot“

Vorbemerkung: Anfang November ist in den deutschen Kinos der Film „Die Witwe Clicquot“ angelaufen - die Geschichte jener Frau, die Anfang des 19. Jahrhunderts ein Champagnerhaus gründete, das heute unter dem leuchtend-gelben Label „Veuve Clicquot“ zu den größten Playern der Branche gehört. Grundlage dieses Historienfilms ist das 2008 erschienen Buch der amerikanischen Kunsthistorikerin und Weinfachfrau Tilar J. Mazzeo. In seinem Buch „Als Rotkäppchen Frankreich verlassen musste“ hat der Autor Volker Hildisch u.a. auch die Lebensleistung dieser unerschrockenen Unternehmerin ausführlich beschrieben. Mit der Veuve Clicquot waren zahlreiche deutsche Einwanderer maßgeblich am Erfolg dieses schäumenden Weines beteiligt. Für dieses Buch (die zweite Auflage erschien hier im Seume Verlag im September 2024) hat der Autor aber nicht nur in den großen Champagnerhäusern recherchiert, sondern auch zahlreiche persönliche Bekanntschaften mit Menschen in der Champagne gemacht, die wie kaum eine andere Region betroffen war von drei deutsch-französischen Kriegen in den letzten 150 Jahren.

Wer den Friedhof im Champagnerort Ay bei Epernay besucht, findet auf den Grabmalen bekannte deutsche Namen: „Familles Deutz-D’Arragon Lallier“ steht über der Tür eines kleinen Mausoleums aus weißem Kalkstein, und man erinnert sich an William Deutz, den Einwanderer aus Aachen, der 1838 mit seinem Compagnon Peter Geldermann ein Champagnerhaus gründete. Ganz in der Nähe findet man auch dessen Grabstätte. Die Familie Bollinger des Champagnerhaus-Gründers Joseph Jacob Bollinger aus Ellwangen hat hier ebenfalls ihre letzte Ruhe gefunden.

Und dann bleibt man verwundert vor einer großen grauen Grabplatte stehen, weil dort ein deutscher Namen eingraviert ist, den man nicht mit der Gründerzeit des Champagnerbooms oder überhaupt mit Champagner in Verbindung bringt: Brigitte von Pentz, Ehefrau von Andre Neuville. Durch Zufall erfahre ich, dass sich dahinter die wunderbare Geschichte einer Frau aus altem deutschen Adel und einem französischen Zwangsarbeiter aus der Champagne verbirgt, deren Wege sich im Zweiten Weltkrieg auf einem Landgut bei Königsberg in Ostpreußen kreuzen. Und deren Enkel viele Jahre später ebenfalls eine deutsch-französische Geschichte schreibt – allerdings unter ganz anderen Umständen.

Doch der Reihe nach. Brigitte von Pentz wird im April 1917 geboren. Ihr Geburtsort Wünsdorf südlich von Berlin, in der Nähe eines der damals größten Truppenübungsplätze auf deutschem Boden, erklärt sich aus dem Beruf des Vaters – ein preußischer Offizier aus altem Adelsgeschlecht. 1914 wird er in Courey bei Reims verwundet, als die preußischen Truppen im 1. Weltkrieg Richtung Paris vorrücken. Wieder genesen, muss er zurück an die Front und nimmt als Adjutant des Generals von Falkenstein an der Marne-Schlacht teil. Ironie der Geschichte: seine Tochter Brigitte wird später einmal auf verschlungenen Wegen genau hierher nach Frankreich kommen und in der Champagne leben.

Andre Neuville wird am 1. Tag des Jahres 1914 in Montmireil in der Champagne geboren. Er macht eine Lehre als Steinmetz und arbeitet in diesem Beruf, bis er 1939 als Soldat zum Kriegsdienst nach Lothringen eingezogen wird. In der Kaserne von Bitche macht er seine Grundausbildung. 1940 gerät er in der Schlacht von Dünkirchen in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird per Eisenbahntransport nach Ostpreußen deportiert. Andre kommt mit 22 seiner Kameraden auf das Gut Langendorf in Ostpreußen, rund 30 Kilometer von Königsberg entfernt. Hier betreibt die Großgrundbesitzer-Familie Perbandt seit über 700 Jahren auf über 1000 Hektar Land einen landwirtschaftlichen Betrieb.

Brigitte, die nach dem Abitur die Schule für Landfrauen besucht hatte, bewirbt sich in dieser Zeit auf eine Anzeige im Deutschen Adelsblatt und bekommt eine Anstellung just auf jenem Gutshof an der Pregel, auf dem Andre seit einiger Zeit Zwangsarbeit leisten muss. Hier kreuzen sich 1943 ihre Wege. Sie wird die rechte Hand des Gutsverwalters. Obwohl es unter dem Nazi-Regime unter Androhung der Todesstrafe verboten ist, private Kontakte zu Zwangsarbeitern zu haben, verlieben sich Brigitte und Andre.

Im August 1944 bombardieren englische Flugzeuge Königsberg. Die Stadt brennt. Im Osten rückt die Rote Armee vor. Flüchtlingstrecks Richtung Ostsee ziehen am Gut Langendorf vorbei. Eines Tages stellt Brigitte fest: Die deutschen Soldaten, die die Kriegsgefangenen bewacht haben, sind weg. Gestapo und SS haben sich aus dem Staub gemacht. Es gibt erste Racheakte von russischen Kriegsgefangenen.

Brigitte und Andre beschließen, gemeinsam mit anderen französischen Kriegsgefangenen zu flüchten. Er hat Angst um sie, dass sie als Teil der Gutsverwaltung von Rotarmisten vergewaltigt oder erschossen wird. Unter Strapazen erreichen sie im Januar 1945 das brennende Königsberg. Mit Tausenden anderer Flüchtlinge schlagen sie sich nach Pillau durch, um über die Ostsee zu flüchten.

Dort gelingt es ihnen, auf einen Eisbrecher mit dem Namen „Königsberg“ zu kommen, der sie bis nach Danzig-Gotenhafen (Gdingen) bringt. Gerade wollen sie dort auf das Marineschiff „Wilhem Gustloff“ betreten, als es heißt: „Wir sind überfüllt.“ Das rettet ihr Leben. Die „Gustloff“ wird am 30. Januar 1945 vor der pommerschen Küste von einem russischen U-Boot versenkt. Rund 9000 Menschen auf dem überfüllten Schiff finden den Tod in der eisigen Ostsee. Andre und Brigitte schaffen es dagegen am nächsten Tag, einen Platz auf dem Walfangschiff „Walter Rau“ zu finden. Unversehrt und glücklich erreichen sie Eckernförde. Am Strand der Schlei macht Andre Brigitte einen Heiratsantrag. Im Mai 1945, als der Krieg zu Ende ist, entschließen sie sich, zu heiraten. Doch in Schleswig-Holstein fühlen sie sich nicht wirklich willkommen. Deswegen ziehen sie ein halbes Jahr später weiter - in Andres Heimat, die Champagne. Dorthin, wo einst Brigittes Vater und Großvater im 1. Weltkrieg gegen die Franzosen kämpften. Für Brigitte, in den Augen einiger Nachbarn die „Nazi-Braut“, war es wiederum hier nicht einfach. Andre arbeitet wieder als Steinmetz, sie bekommen drei Kinder. Die werden zweisprachig groß – und in dem Bewusstsein, dass sie den zwei Identitäten ihrer Eltern gerecht werden.

Brigitte und Andre sterben 2004 bzw. 2005 und liegen auf dem Friedhof der kleinen Champagner-Ortschaft Ay begraben. Aber die deutsch-französische Familiengeschichte von Andre und Brigitte schreibt ein weiteres Kapitel: Einer ihrer Enkel, der 1980 geborene David Lemaire, studiert drei Jahre lang Bauingenieurwesen in Mainz. Während einer Studienreise nach Polen lernt er seine spätere Frau Lydia kennen. Sie stammt aus Greifswald. David fühlt sich mehr zum Weinbau als zum Häuserbau hingezogen – und übernimmt schließlich das elterliche Weingut. Wer aus Deutschland kommt und dort seinen Champagner kaufen möchte, wird also keine Kommunikationsprobleme haben. Denn auch Davids Mutter, die ehemalige Lehrerin und Tochter von Brigitte von Pentz, spricht fließend Deutsch (Champagne Jean Lemaire, 31 Rue d’Oger, 51190 Avize). (Diese Geschichte verdanke ich im übrigen Bernhard Bisinger aus Stuttgart. Auf ihn, einen Nachfahren der Champagnerfamilie Bissinger, bin ich im Zuge meiner Recherchen gestoßen. Er erzählte mir die Geschichte von der Familie Neuville/ von Pentz: Als er gerade das Grabmal seiner Vorfahren auf dem Friedhof in Ay renovieren, traf er zufällig Christian Neuville. Später fuhren Bernhard Bisinger und ich noch einmal zusammen in die Champagne, dabei lernte ich zwei der drei Kinder von Brigitte von Pentz und Andre Neuville kennen. Sie überließen mir großzügiger Weise die persönlichen Aufzeichnungen ihrer Mutter über die Zeit in Ostpreußen und die Flucht über die Ostsee sowie die ihres Großvaters, einem ehemaligen Siemens-Manager, der die Familiengeschichte während der Nazizeit in einem Tagebuch festgehalten hatte.

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