Die Krise der katholischen Kirche

Prof. Dr. Konrad Hilpert // August 2022

Beobachtungen eines Ordinarius für Katholische Moraltheologie

Bildmontage: Mahnmal gegen Kindesmissbrauch, Johannes Heibel, FEZ Berlin (© Foto: Singlespeedfahrer gemeinfrei, wikipedia.org)

Es sind bewegte und bewegende Zeiten, die wir momentan erleben. Erst raubt uns die Pandemie etwas von der Gewissheit, dass wir selbstverständlich auch morgen leben werden, wenn wir uns heute noch gesund fühlen. Dann konfrontiert uns der kriegerische Überfall auf die Ukraine von einem auf den anderen Tag mit der Erkenntnis, dass sich offensichtlich doch nicht alle Konflikte mit Diplomatie und Gesprächen lösen lassen, und lässt das längst vergessene Risiko spüren, dass auch wir hier in einen Krieg hineingezogen werden könnten.

Das damit verbundene Grundgefühl des Abhandenkommens fundamentaler Gewissheiten trifft auch im Bezug auf die katholische Kirche zu, seit die Dimension des sexuellen Missbrauchs in ihr und die Art, damit umzugehen, an das Licht der Öffentlichkeit gekommen sind. Für die Diözese München ist dazu Ende Januar das umfangreiche Gutachten der Kanzlei Westpfahl-Spilker-Wastl erschienen.

Zur augenblicklichen Lage

Die Reaktionen darauf lassen sich umschreiben mit Entsetzen, Wut, Enttäuschung, Scham und Verunsicherung. Die Irritation wurde verstärkt durch das Verhalten des emeritierten Papstes Benedikt XVI., der seine Anwesenheit bei einer Ordinariatssitzung, in der über die Übernahme und Verwendung eines „Täters“ beraten und entschieden wurde, in Abrede gestellt hatte, dies später aber revidieren musste und dann als Fehler seiner Berater bei der Redaktion seiner Stellungnahme dargestellt hat. In journalistischer Zuspitzung und schlagzeilenmäßiger Verknappung wurde dieser nachgeschobene Korrektur-Versuch zu der verheerenden Aussage zusammengefasst, der ehemalige Papst habe „gelogen“.

Zum Skandal des zigfachen Verbrechens an Kindern und dem in den Gutachten bescheinigten unangemessenen und auf Unsichtbarmachung zielenden Umgang der Verantwortungsträger damit („Vertuschung“) ist eine suboptimale Kommunikation mit der Öffentlichkeit hinzugekommen. Die hat zusätzlich durch das etwa zeitgleiche ungeschickte Agieren des Kölner Kardinals Woelki, das vatikanische Verbot der Segnung homosexueller Paare im Februar 2021, das zu früheren Äußerungen von Papst Franziskus in direktem Widerspruch stand, und die Tatsache, dass das Thema Missbrauch jetzt schon zwölf Jahre auf der Agenda steht, eine desaströse Qualität erreicht.

Reaktionen im Innern

Was macht das mit den Leuten? Es gibt unter den Gläubigen eine kleine Gruppe, die sagen: „Das geht mich nichts an, das sind bedauerliche Einzelfälle; ich habe es satt, das jeden Tag in der Zeitung zu lesen und in den Nachrichten hören zu müssen.“ Es gibt aber auch die, die sich an einer Abbruchkante stehen fühlen und sagen: „jetzt reichts“ und ernsthaft überlegen auszutreten. Auch wenn sie sich, sollte es tatsächlich zum Entschluss kommen, das zu tun, nicht automatisch auch vom Glauben und von der Religion verabschieden wollen, möchten sie mit der konkreten Institution und deren sichtbaren Vertretern nichts mehr zu tun haben. Die meisten jedoch erleben sich einfach als hilflos. Für sie bedeutet das Ganze, dass ein Stück Sicherheit aus ihrem Leben verloren geht. Was sie jetzt bräuchten, wäre vor allem Zuspruch und Trost; aber das bekommen sie gerade nicht. Manche geraten in ihrem eigenen Umfeld unter Rechtfertigungsdruck: „Wie kannst Du in so einer Organisation bleiben?“ Oder: „Warum sollen wir einen Verein, in dem so schlimme Dinge passieren, mit unserem Geld auch noch unterstützen?“ Oder: „Was bringt mir die Mitgliedschaft in der Kirche?“ „Welchen Grund gibt es überhaupt zu bleiben?“ Junge Eltern, die gerade intensiv erleben, welches Glück kleine Kinder sein können, aber auch: wieviel Sorgfalt und Abstriche an den eigenen Wünschen sie verlangen, äußern Verständnislosigkeit und Empörung, wenn sie hören, wie anvertraute gleichaltrige Kinder behandelt und die Täter durch die Institution geschützt wurden; sie besonders sehen darin einen Angriff auf das, was ihnen als das Wichtigste und Wertvollste im Leben gilt. Und schließlich sind da noch die vielen einfachen Priester, die ihren Dienst tun, aber merken, dass sie – unausgesprochen oder sogar ausgesprochen – unter Generalverdacht stehen.

Entzauberung

Der Erosion im Innern der Kirche entspricht ein gravierender Vertrauensschwund in der Öffentlichkeit. Die Auswirkungen sind in der sinkenden Attraktivität kirchlicher und theologischer Berufe deutlich zu spüren. Die Aufmerksamkeit vieler Medien und ihrer Rezipienten an der Kirche beschränkt sich inzwischen auf Nachrichten über Skandalöses. Es entsteht derzeit die Vermutung, dass der katholischen Kirche und ihrem Führungspersonal geradezu alles zuzutrauen ist. Anzeichen sind nicht zu übersehen, dass weitere Wellenbewegungen in Gang kommen, die dann auch die gewachsenen staatskirchenrechtlichen Bestimmungen erfassen werden, die schon jetzt unwidersprochen als „Privilegien“ diskreditiert werden.

Diskursive Verschiebungen

Ein häufig übersehenes Problem im Zusammenhang der Thematisierung des Missbrauchs im Raum der Kirche, aber nicht nur hier, ist das, was man „diskursive Verschiebungen“ (D. Liebscher) in den Debatten nennen könnte. Damit ist das Phänomen gemeint, dass ein bestimmtes Problem in der medialen Öffentlichkeit, in der Rechtspolitik und in der aktuellen ethischen Debatte unter einem anderen Blickwinkel diskutiert wird als in der theologischen Tradition und in bestimmten kirchlichen Zirkeln.

So wird der sexuelle Missbrauch heute weltweit als Form von Gewalt gegen Untergebene bzw. Anvertraute, also besonders vulnerable Personen, diskutiert, während er innerhalb der kirchlichen Verwaltung und im Kirchenrecht lange und zum Teil heute noch als Verstoß gegen das 6. Gebot und die Zölibatsverpflichtung aufgefasst wurde. Und der grundsätzliche Ausschluss der Frauen von allen Weiheämtern wird in kirchlichen und theologischen Debatten immer noch mit der Einstimmigkeit der Überlieferung bis auf Jesus begründet und verteidigt, während er außerhalb dieser Kreise längst unter dem Aspekt der Diskriminierung, also eines Verstoßes gegen das Gleichheitsprinzip allein aufgrund des Geschlechts, diskutiert wird. Ganz ähnlich wird die Frage des angemessenen Umgangs mit Menschen homosexueller oder queerer Orientierung von der Selbstbestimmtheit und der Zielperspektive, bestehende Ausgrenzungen zu überwinden, beantwortet, während sie früher und in vielen Dokumenten unter dem Gesichtspunkt der Natürlichkeit bzw. Nichtnatürlichkeit und der inneren Zwecksetzung der Sexualität her verhandelt wurden. Und schließlich wird heute die im Kirchenvolk und im aufgeschlosseneren Teil des Klerus die Verleihung eines Weiheamts unter dem Aspekt der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit der Aufgaben, Begabungen, Kompetenzen, Gruppierungen und deren Zusammenwirken zum Besten der Gemeinde begriffen, und nicht sofort als Problem der hierarchischen Über- und Unterordnung.

Eine weitere Beobachtung zu den innerkirchlichen Diskussionen, vor allem jenen, wo es „knirscht“ und polemisch wird, betrifft das, was man als Totschlagsargumente bezeichnen könnte, insofern sie ausschließlich dazu benutzt werden, Forderungen nach notwendigen Veränderungen zu ersticken. Dazu zählen insbesondere Sätze wie „Die Kirche ist doch keine Demokratie!“, „Dazu bräuchte man erst das Einverständnis der gesamten Weltkirche.“ Und „Das ist doch nicht mehr katholisch. Wer das will, soll halt protestantisch werden.“

Wer so argumentiert, macht zwei Fehler: Er lässt zum einen die tatsächliche Entwicklungsgeschichte und Bedingtheit und auch die Vielfalt der kirchlichen Positionen außer Acht. Und er übersieht zum anderen, dass der gesellschaftliche Kontext, in dem die Diskussionen über notwendige Veränderungen stets geführt werden, sich eben auch an ethischen Idealen und normativen Prinzipien wie beispielsweise Partizipation der Betroffenen, Möglichkeiten der Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, Kontrolle von Macht, Subsidiarität und Rechtsförmigkeit orientiert. Fast alle der genannten Standards sind von der Kirche bei anderen Gelegenheiten für verbindlich erklärt worden, zumindest im Bezug auf Staat und Gesellschaft. Natürlich kann man darauf verweisen, dass Kirche etwas Besonderes ist, aber es wäre doch hochproblematisch, wenn das nur dazu diente, die in der Gesellschaft anerkannten Standards zu unterschreiten.

Verantwortung übernehmen

Kölner Dom 2021 (© Foto: © Raimond Spekking gemeinfrei, wikipedia.org)

Verantwortung ist eine dezidiert personale, individuelle Kategorie. Verantwortung lässt sich nicht auf das Kollektiv verteilen oder abschieben. Aber das heißt doch umgekehrt auch, dass die Verantwortung nicht sich selbst überlassen werden darf und der Diffusion preisgegeben wird, sondern dass sie organisiert und transparent gemacht werden muss in Strukturen und Regelwerken. Auch für Kirche und ihre diversen Einrichtungen braucht es eine Organisations- und Führungsethik mit eindeutigen Zuständigkeiten und Kontrollen. Wenn der Missbrauch ein „systemisches“ Problem ist, woran es nach allem, was bekannt geworden ist, keinen Zweifel geben kann, dann braucht es eben auch systemische Verantwortung – und die kann nicht ein Bischof allein wahrnehmen.

Aber zur systemischen Verantwortung gehört auch, dass dann, wenn schwere Fehler passiert sind, die Zuständigen, in deren Verantwortungsbereich das passiert ist, die Verantwortung übernehmen. Und dann sind wir bei der Figur des Amtsverzichts oder Rücktritts. Es macht sich nicht gut, wenn in der Kirche Rücktritte erklärt, aber zugleich unter den Vorbehalt päpstlicher Annahme bzw. Ablehnung gestellt werden, auch wenn das im Kirchenrecht so vorgesehen ist. Und erst recht wirkt es befremdlich und wie eine zusätzliche Respektlosigkeit gegenüber dem Glauben der Noch-Gebliebenen und der anschwellenden Menge der durch Austritt sich Äußernden, wenn der Bischof, dessen Verhalten zu so vielfacher und so gründlicher Beschädigung geführt hat wie derzeit in Köln, wieder in sein Amt zurückgeschickt wird, als sei nichts geschehen. Rücktritte heilen nicht alles, was schiefgelaufen ist, aber sie können ein starkes Signal in Richtung Zukunft und für einen Neuanfang nach einer heillos verfahrenen Situation sein.

Vertrauen und Glaubwürdigkeit wiedergewinnen

Viele Bischöfe haben, nachdem sie wiederholt ihrer Scham Ausdruck verliehen haben, die Wiedergewinnung von Vertrauen und der Glaubwürdigkeit der Kirche zum wichtigsten Anliegen der nächsten Jahre erklärt. Das ist im Prinzip auch richtig. Aber Vertrauen und Glaubwürdigkeit gewinnt man nicht so rasch zurück, wie man sie innerhalb kurzer Zeit eingebüßt hat. Beide sind nicht durch Willensentschlüsse zu generieren und insofern „unverfügbar“. Sie wachsen mit der Zeit und werden gewährt. Höchstens kann man durch mühsames Arbeiten dazu etwas beitragen.

Eine wichtige Voraussetzung dafür wäre, alles dafür zu tun, dass das Thema Missbrauch endlich beendet werden kann, damit wieder Platz für die eigentliche Botschaft ist – aber nicht durch Leugnen und kleinteiliges Verschieben, sondern durch eine große Anstrengung der Wahrheit und des Zugehens auf die sog. Opfer. Die Frage einer materiellen Wiedergutmachung ist sicher nicht der zentrale Punkt, aber einer, der relativ einfach lösbar sein müsste. Bezüglich der Sexualethik scheint es mir vor allem darauf anzukommen, dass die Kirche den Gestus des überlegenen Alles-Wissens ablegt und ihre Aufgabe darin sieht, die Menschen in ihrer Verletzbarkeit, an erster Stelle die Kinder und Jugendlichen, zu schützen und zu stärken. Es wäre ein fatales Signal, wenn all diese Anstrengungen – wieder einmal - folgenlos blieben oder abgeschmettert würden.

Anmerkung des Verlags: Der Text beruht auf einem Statement, das Prof. Dr. Hilpert bei der Sitzung des Wissenschaftlichen Rates der Katholischen Akademie in Bayern am 06.04.2022 vorgetragen hat. Das ungekürzte Statement kann in der Zeitschrift der Akademie zur debatte, 52,2 (2022), 64-67, nachgelesen werden.

Prof. Dr. Konrad Hilpert Portrait

Prof. Dr. Konrad Hilpert, 1947 in Bad Säckingen geboren, war nach dem Studium der Philosophie, katholischen Theologie und Germanistik zunächst Religionslehrer an einem Gymnasium und Wissenschaftlicher Assistent. Er wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. promoviert und hat sich dort für das Fach Moraltheologie habilitiert. Seit 1990 war er Professor für Praktische Theologie und Sozialethik an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, von wo er 2001 auf den Lehrstuhl für Moraltheologie an der LMU München wechselte. Daneben war er Mitglied mehrerer Ethikkommissionen, u.a. in Berlin und München, und zehn Jahre lang Sprecher der deutschen Moraltheologen. Nach dem Eintritt in den Ruhestand 2013 versah er 2015-2016 eine Gastprofessur an der Universität Luzern/Schweiz. Seine Publikationen befassen sich schwerpunktmäßig mit Theorie und Wissenschaftsgeschichte der Ethik, den Menschenrechten, mit Bioethik und Beziehungsethik.

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