Egozentriker – Das Raubtier in uns

Peter Winterhoff-Spurk // November 2024

Babyfoto

Wir alle kommen als Egozentriker zur Welt. Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat diesen Begriff für die geistige und soziale Entwicklung von Kindern definiert: Kinder und besonders Säuglinge sind zunächst unfähig, sich in Andere hineinzuversetzen, auf die eigenen Bedürfnisse fixiert und massiv in deren Durchsetzung. Es ist ein Überlebensmechanismus. Unter normalen Umständen verliert sich diese Haltung mit zunehmendem Lebensalter, mit der Entdeckung sozialer Beziehungen. Erwachsenwerden ist ein Abschied von der kindlichen Egozentrik. Wenn’s gut geht, verläuft es so: Die ‚Entdeckung des Ich‘ geschieht um den 18. Monat herum, das Kleinkind entwickelt ein Selbstkonzept. Entscheidend für die frühkindliche Entwicklung (bis 24. Monat) ist das Bindungsverhalten zu den wichtigsten Bezugspersonen. Durch diese wird der kindliche Egozentriker zum sozialen Wesen erzogen. Zwischen 9 und 12 Jahren wird das Selbstbild realistischer, differenzierter und komplexer. Bei Jugendlichen schließlich entsteht das ‚persönliche Selbst‘(das, was der Mensch über sich selbst denkt) und das ‚soziale Selbst‘(das, was er glaubt, daß es Andere über ihn denken). Insgesamt verläuft die Identitätsentwicklung von diffuser Identität (= Patchworkidentität), Moratorium und übernommener Identität zu erarbeiteter und eben auch sozialer Identität – mit den entsprechenden Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern gegenüber anderen Menschen.

Die persönliche Identität zieht sich wie ein roter Faden durch den Strom der Erfahrungen eines Menschen. Man kann es sich auch als eine Art „Sonnensystem“ vorstellen. Im Zentrum steht der eigene Körper: Aktuelle Befindlichkeiten, Hintergrundemotionen, das allgemeine Lebensgefühl, dann das Körperbild, die Selbsteinschätzung der eigenen Persönlichkeit sowie regionale und soziale Zugehörigkeiten. Gefühle und Kognitionen gehören dazu: Das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen als affektive Seite, die Selbstwahrnehmung und das Wissen über sich selbst und Andere als kognitive. Alles zusammen: Das Realbild, Antwort auf die Frage „Wie bin ich?“: So bin ich.

Identität entwickelt sich langsam, mit zunehmendem Lebensalter wird sie differenzierter, realistischer, sozialer und stabiler. Gelungene Identitätsbildung vermittelt schließlich ein Gefühl der Zugehörigkeit und Verwurzelung, der Selbstachtung und der Zielstrebigkeit. Sie leitet das Handeln an. Wenn ich weiß, wer ich bin und wer ich sein möchte, dann habe ich auch ein differenziertes Handlungsrepertoire. Kurz: Ich bin was, ich kann was, ich will was.

Dieser Prozess ist immer auch gefährdet und er ist nie ganz abgeschlossen. Traumatische Erfahrungen in der Kindheit – lieblose Vernachlässigung ebenso wie übermäßige Verwöhnung - können die normale Entwicklung be- oder verhindern. „Critical life incidents“ beispielsweise, also Ehescheidungen, Arbeitslosigkeit, Erkrankungen, aber auch positive Veränderungen durch Liebesbeziehungen, berufliche Erfolge oder neue Vorbilder verändern auch das erwachsene Real- und das Idealbild immer wieder. Aufs Ganze gesehen wird aber im Normalfall die notwendige und angeborene Egozentrik der Menschen durch seine sozialen Interaktionen zu einer sozial angemessenen ‚ich-wir‘-Balance modifiziert.

Wenn’s nicht klappt, Egozentrik also eine Persönlichkeit dominiert, wird’s schwierig. Das kann sowohl ein Übermaß an ‚wir‘- Haltungen sein: ‚Du bist nichts, Dein Volk ist alles‘ steht dafür als abschreckendes Beispiel. Die Fokussierung auf das ‚Ich‘ ist das andere Extrem. ‘Die ganze Welt dreht sich um mich Denn ich bin nur ein Egoist‘, heißt es in dem Song ‚Egoist‘ des Sängers Falco. Diese Haltung ist ja in einer kapitalistischen Ellenbogengesellschaft durchaus erfolgsversprechend, als ‚Eigennutzenmaximierung‘ wird diese Haltung wirtschaftswissenschaftlich geadelt. Sie findet sich auch in narzisstischen, antisozialen und histrionischen Persönlichkeiten – jeweils in Kombination mit unterschiedlichen Erlebens- und Verhaltensmustern. Egozentriker kommen leichter an die Spitzen gesellschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Organisationen. Das Risiko dabei: Sie fahren diese häufiger an die Wand als weniger egozentrische Persönlichkeiten. ‘Management derailment‘ heißt das in der Organisationspsychologie. Es tritt auf, wenn Führungskräfte wenig Selbstreflexion zeigen, es an emotionaler Intelligenz und Einfühlungsvermögen fehlt, sie mangelhafte kommunikative Fähigkeiten haben und keine Kritik ertragen. Organisationen jeder Art sind gut beraten, wenn sie egozentrische Persönlichkeiten gar nicht erst in Führungspositionen kommen lassen oder sie frühestmöglich einhegen. Und für den normalen Alltag gilt für den Umgang mit Egozentrikern der schlichte Rat: Grenzen setzen oder aus dem Wege gehen.

Gravure coloriée à la main de la série Le Bon Genre publiée par Pierre de la Mésangère.

Anmerkung des Verlags: Der Text ist erschienen in der Zeitschrift OPUS Kulturmagazin 04, 2024 – mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers, Dr. Kurt Bohr.


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