„… ein deutscher Soldat an französischen Kaminen“. Der Märchenerzähler Richard von Volkmann-Leander
Prof. Dr. Sikander Singh // Februar 2025
Buchausgabe »Träumereien an französischen Kaminen« (© Foto: Prof. Dr. Sikander Singh)
Im Winter 1870/71 belagerten die deutschen Armeen Paris. Unter den Offizieren des preußischen Kontingents ist auch Richard von Volkmann (1830 bis 1889), Militärarzt, Chirurg, Verfasser medizinischer Fachbücher. Sowohl die militärische Konstellation (der Belagerungsring um die französische Hauptstadt wurde bis in den Februar 1871 aufrechterhalten) als auch die kalte Jahreszeit fesselten Mannschaften wie Offizierscorps an ihre Quartiere.
Professor Dr. Richard von Volkmann, 1882 (© gemeinfrei, wikipedia.org)
In dieser Situation begann Volkmann, Märchen zu schreiben. Seine Geschichten von Liebe, Glück und Leid in Welten, da Träume Wirklichkeit werden und das Wunderbare Wirklichkeit ist, wurden unmittelbar nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges unter dem Titel Träumereien an französischen Kaminen in einer Buchausgabe erstveröffentlicht.
Unter den 22 Märchen der Sammlung, die nicht nach einem kompositorischen Prinzip angeordnet sind, finden sich umfangreiche Prosaerzählungen ebenso wie knappe Schwankerzählungen. In der Vorrede betont Volkmann, die Anregungen stammten aus der eigenen Kindheit.
Ebenfalls in der Vorrede zeichnet Volkmann das Bild deutscher Soldaten, die im Feindesland abends am Feuer beieinandersitzen und sich von Pflichten wie Gefahren des Kriegsalltages erholen. Die soldatische Gemeinschaft im Feldlager wird wesentlich, so die indirekte Behauptung, durch die gemeinschaftliche Erfahrung des Erzählens erzeugt. In der Fremde sei auf diese Weise ein Stück deutscher Heimat lebendig geworden.
Volkmann stilisiert die Märchen zu Zeugnissen deutscher Kultur und Tradition in der französischen Fremde, womit ihnen zudem eine (nationale) Identität stiftende Funktion beigelegt wird. Weil in den Märchen das Gute über das Böse siegt, das Recht über das Unrecht, wird darüber hinaus ein Sieg „deutscher Moral“ über „französische Unmoral“ behauptet. Schließlich wird durch solche nationalen Stereotypen die emotionale Beziehung zwischen deutschen Soldaten in der Fremde und deutschen Lesern in der Heimat im Sinne einer im Kampf verbundenen (Volks-)Gemeinschaft verstärkt.
© Foto: Prof. Dr. Sikander Singh
In den Märchen selbst finden sich keine unmittelbaren zeitgeschichtlichen Hinweise und Rekurse auf den Deutsch-Französischen Krieg. Die abendlichen Erzählungen können daher als ein Gegenentwurf zu den Erfahrungen des soldatischen Lebens an der Front gelesen werden.
Volkmanns Märchen verweisen, sowohl im Hinblick auf Sprache und Symbolik als auch in Bezug auf Motive und Bilder, auf die Tradition der Romantik. So beziehen sich Anfangsformeln wie „Vor langen, langen Jahren lebte einmal“ auf die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, deren Ton Volkmann zudem mit seiner volkstümlich-schlichten Sprache zitiert. Lyrische Einlagen erinnern an Märchen von Theodor Storm. Auch sind Motivparallelen zu Hans Christian Andersens Märchen erkennbar.
Wie Volkmann selbst betont, sind seine Märchenerzählungen „Traumgestalten“, traumhafte Bilder und Bildfolgen, die zwar an die reiche Tradition des romantischen Volks- und Kunstmärchens anknüpfen, zugleich aber einen ganz eigenständen Ton haben.
Am 23. Januar 2025 um 18.00 Uhr wurde eine Ausstellung über Volkmann-Leander im Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass an der Universität des Saarlandes eröffnet. Die Ausstellung mit Exponaten aus den Sammlungen des Literaturarchivs dokumentiert die Entstehungsgeschichte der Sammlung, ihre Quellen und Themen sowie Aufnahme und Wirkung vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Sie ist im Ausstellungsraum des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass (Geb. B1 1, Foyer der SULB) auf dem Campus der Universität des Saarlandes bis zum 05.April 2025 zu sehen.
Prof. Dr. Sikander Singh
Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass
Universität des Saarlandes
Campus Saarbrücken Gebäude B1 1
66123 Saarbrücken
Foto: Prof. Dr. Sikander Singh

Sikander Singh hat Germanistik, Anglistik, Amerikanistik und Kanadistik in Düsseldorf, Montreal und Zürich studiert. Seit 2011 ist er Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass und Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlandes.
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