Eine Gutenachtgeschichte: Das Dromedar

Dr. Uli Menz // April 2026

© Foto: Florian Lindner, gemeinfrei

Mein Herz, möchtest Du wissen, warum das Dromedar Dromedar heißt? Fein, dann mach’ die Augen zu und stell’ Dir vor, Du wärst in der Wüste. Da spielt nämlich diese Geschichte.

Vor langer Zeit waren einmal alle Tiere der Wüste krank. Der Löwe hatte einen Hitzschlag, die Hyäne hatte Durchfall, die Gazelle hatte Depressionen, die Wüstenspringmaus hatte sich ein Bein gebrochen und selbst der Sandfloh hatte Migräne. Wie’s manchmal so kommt.

Ein einziges Tier war gesund geblieben: Das Kamel. Und da Kamele sehr gutmütige Wesen sind, übernahm es die Pflege der anderen.

So besuchte es den Löwen, der im Schatten lag und nur noch stöhnte: „Die Hitze, die Hitze!“ Ihm nahm es die Mähne ab, feuchtete sie in einem Brunnen an und setzte sie ihm wieder auf, allerdings nicht, ohne auf die nötige Distanz zu achten. Denn es ging die Rede, der Löwe hätte auch schon mal ein Kamel gefressen. So weit wollte es unser Tier denn doch nicht kommen lassen. Dem Löwen ging es auch gleich besser und er betrachtete es mit verdächtigem Interesse.

Dann brachte das Kamel der Hyäne frische Pfefferminze, die diese sogleich und unter völlig unpassendem Gelächter verspeiste. „Du musst einen Tee daraus machen“, wollte das Kamel noch sagen, aber da war es schon zu spät. „Uuups“, sagte die Hyäne, guckte noch einmal groß in die Runde und verschwand heulend hinter einer Düne, um sich kräftig zu erleichtern. Das stank so, dass die Gazelle, die in der Nähe lag, ächzte: „Jetzt auch das noch!“

Also ging das Kamel zu der Gazelle und erzählte ihr eine lustige Geschichte: Wie der Sandfloh sich einmal in die Springmaus verliebt hatte und in deren Fell gekrabbelt war. Leider hat er diese Liebe nicht ausgehalten, weil ihm von den vielen Sprüngen seiner Maus immer so schwindelig wurde. Und die Maus hatte gar nicht bemerkt, dass sie einen Verehrer im Pelz sitzen hatte. Es hatte sie nur immer gejuckt. „Ja, ja, so ist das mit der Liebe“, seufzte die Gazelle, deren Freund gerade entsprungen war. Deswegen hatte sie ja Depressionen. Also erzählte das Kamel eine andere Geschichte: Wie die Hyäne einmal dem Löwen einen Braten weggenommen hatte, ohne dass der es gemerkt hatte. Bedauerlicherweise erinnerte sich das Kamel nicht mehr an den weiteren Verlauf, so dass die erhoffte Wirkung ausblieb. „Ja, ja“, sagte die depressive Gazelle; „so ist das, wenn man alt wird, man vergisst alles!“ Leider kannte das Kamel nur diese eineinhalb Geschichten, alle anderen hatte es tatsächlich vergessen, so dass es mit einem verlegen gemurmelten „Wird schon wieder!“ davonging. Noch lange hörte es das deprimierte „Ja,ja“ der Gazelle.

Dann ging es zur Wüstenspringmaus, die vor ihrer Höhle saß und jammerte. Für sie hatte das Kamel ein Stöckchen mitgebracht, mit dem man das gebrochene Bein schienen konnte. Das taten die Springmaus und das Kamel dann auch zusammen und schon ließ der Schmerz etwas nach. „Ich komme morgen wieder vorbei“, sagte das Kamel und ging zum nächsten Patienten, dem Sandfloh.

Der saß im Schatten eines Felsens und hatte sich feuchten Sand auf die Stirne gelegt. Er hatte eine grässliche Migräne. „Ja, ich weiß“, wisperte er, „ich sollte vor einem aufziehenden Sandsturm nicht mehr durch den Sand hüpfen, aber es ist nun einmal meine Art. Wenn der Sturm da ist, geht es auch wieder weg.“ Auch hier wusste das Kamel Rat. Es pustete ganz vorsichtig in Richtung Sandfloh, so dass dieser glaubte, es wäre Sturm. Und tatsächlich, der Kopfschmerz ließ sogleich nach.

So hatte das Kamel den ganzen Tag zu tun. Und die folgende Woche. Und den folgenden Monat. Denn es gibt ja nicht nur den Löwen, die Hyäne, die Gazelle, die Springmaus und den Sandfloh in der Wüste. Und alle, alle waren sie damals krank. 17 Tage lang kann ein Kamel ohne Wasser auskommen, ohne Essen noch länger, denn dafür hat es seine beiden Höcker. Aber irgendwann ist Schluss und so kam es, dass unser Kamel eines morgens aufwachte und nur noch einen Höcker hatte. Den anderen hatte es im Einsatz für die anderen Wüstentiere verbraucht.

Glücklicherweise waren die Tiere inzwischen aber wieder gesund geworden. Auch hatte es sich herumgesprochen, wem sie ihre Heilung zu verdanken hatten. Deswegen rief der König der Tiere, der Löwe, alle zusammen, damit sie sich erkenntlich zeigen könnten. Die Tiere kamen eines Abends, ohne das Kamel natürlich, dem man nichts gesagt hatte, und machten so ihre Vorschläge: Der Sandfloh wollte dem Kamel eine Treckingtour durch die Dünen spendieren. Das wurde aber abgelehnt, weil das Kamel ja schon beruflich viel unterwegs sei. Die Springmaus wollte ihm einen Tanzkurs anbieten. Auch das fand keine Zustimmung, weil man wusste, dass dem Kamel schnell übel wurde. Die Hyäne wollte das Kamel zum Essen einladen. Man musste sie daran erinnern, dass Kamele Vegetarier sind. Die Gazelle schließlich wollte ihr ein paar Sitzungen bei einem Psychoanalytiker spendieren. Bei diesem Vorschlag wurde lange darüber gestritten, ob ein Kamel überhaupt ein Unterbewusstsein habe. Man glaubte allgemein nicht so recht daran, bei einem so ruhigen Tier, deswegen wurde auch dieser Vorschlag verworfen.

Schließlich hatte der Löwe die rettende Idee: „Wir verleihen dem Kamel einen Doktortitel, weil es uns so gut geholfen hat! Wir nennen es nach der Familie eines alten arabischen Arztes. Ab jetzt soll es „Dr. Omedar“ heißen. Und zur Erinnerung an seine selbstlose Hilfe soll es zeitlebens statt bisher zwei, nun nur noch einen Höcker tragen müssen.“

„Was haben wir für einen klugen König“, fanden die Tiere und stimmten dem Vorschlag ohne Gegenstimme zu. Sie stimmten im Allgemeinen jedem Vorschlag des Löwen einstimmig zu, aber diesmal war es besonders einstimmig. Die Ehrung wurde dem Kamel überbracht, es nahm sie gerne an. Und nicht nur das, es baute sich ein Haus, ließ sich darin nieder und brachte ein Türschild vorne an, auf dem Stand: „Dr. Omedar. Tiermedizin“. Unglücklicherweise löschten im Laufe der Zeit die Wüstenstürme den Punkt hinter dem Doktortitel aus, so dass die Menschen später glaubten, das einhöckrige Kamel hieße

Dromedar.

Und so ist es bis heute geblieben.

Hinweis des Verlags: Alle 50 Geschichten 'Wie die Tiere ihre Namen bekamen. Geschichten zum Ankuscheln für große und kleine Menschen' werden noch in diesem Jahr unter dem Pseudonym 'Peter Winterhoff-Spurk' im Seume-Verlag veröffentlicht.

Dr. Uli Menz ist das Pseudonym des Autors dieser Geschichte. Er wurde in Leipzig geboren und besuchte dort bis zum Abitur das Leo-Trotzki-Gymnasium. Seinen Dienst in der NVA verbrachte er als Tierpfleger bei den Gebirgsjägern in Schneeberg. Nach der ‚Wende‘ absolvierte er eine Lehre als Tierpfleger im Biosphärenreservat ‚ Heimattierpark Ollerdissen‘ bei Bielefeld. Eigenen Angaben zufolge, erwachte dort sein Interesse für Tiernamen. Entsprechend studierte er im Anschluss an seine Lehrzeit, nun wieder in Leipzig, am dortigen Zentrum für Namensforschung das Fach Onomastik. Seine Promotion hatte das Thema: ‚Dumme Kuh? Scharfer Hund? Zur Anthropomorphie und Onomastik in der Tierliteratur des 17. Jahrhunderts‘. Nach der Promotion wechselte Menz nach Marburg, um am Fachbereich Biologie, Fachgebiet Tierphysiologie, ein Forschungsprojekt ‚Neopalpa donaldtrumpi – Politische und ökologische Aspekte der Nomenklatur neu entdeckter Tierarten‘ zu leiten. Daneben begann, er unter seinem richtigen Namen schriftstellerisch aktiv zu werden. Die im Seume-JOURNAL publizierten Geschichten sind seine ersten Gehversuche mit Einschlaf-Geschichten für Kinder – in der Familie des Autors erfolgreich erprobt.

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