Eine Gutenachtgeschichte: Das Frettchen

Dr. Uli Menz // Januar 2025

© Illustration Martin Petzold (†)

Wenn Du mich lieb darum bittest, will ich Dir gerne erzählen, wie das Frettchen seinen Namen bekommen hat. Also, mach’ Dich schön rund, wie ein Frettchen, wenn es schläft, und hör’ mir zu!

Es war einmal vor langer Zeit ein Pelztier, das hatte den überaus vornehmen Namen Mustela putorius furo. Kannst Du das nachsprechen? Siehst Du, es ist wirklich nicht ganz einfach.

Aber trotz seines vornehmen Namens war es verfressen. Es naschte von allem, was ihm in den Weg kam. Gummibärchen, Nudeln, Schokolade, Ölsardinen, grüner Salat, Erdnüsse, Gulasch. Und wenn es einmal nicht futterte, dann schlief es. So blieb nicht aus, dass es im Laufe der Zeit immer fetter wurde. Und da Tiere untereinander manchmal ziemlich gemein sind, riefen die anderen Tiere das Mustela putorius furo einfach nur: Das Fettchen.

Das kränkte unser Tier so, dass es schließlich von zuhause weglief. Es schwor sich: „Ich komme erst dann zurück, wenn ich einen anderen Namen habe!“ Und so lief und lief und lief es, immer der Sonne entgegen. Nach einer langen Wanderung kam es schließlich bis nach China. Weil es unterwegs nicht viel zu fressen gefunden hatte, war es aber inzwischen schlank geworden. Es sah mit seinem weißen Pelz auch ganz besonders hübsch aus. Die Chinesen drehten sich nach ihm auf der Straße um und riefen: „Schaut, was für ein hübsches Tier!“ Das gefiel dem Fettchen und es beschloß, eine Weile zu bleiben.

Da es unterwegs viel erlebt hatte, erzählte es auf den Märkten und Plätzen seine Geschichten, die die Menschen dort gerne hörten, obwohl sie nicht alles glaubten. So erschien es ihnen als ziemlich unwahrscheinlich, daß es Menschen mit weißer Hautfarbe oder Länder ohne einen Kaiser geben sollte und daß man dort nicht mit Stäbchen aß. Wie wohlig sie sich bei diesen Geschichten gruselten! Das sprach sich bald bis zum Kaiser von China herum, der gelangweilt in seinem Palast saß und lustlos regierte. Er sagte zu seinen Dienern: „Bringt mir das possierliche Tier doch einmal her.“ Das machten die dann auch und bald saß das Fettchen vor ihm und erzählte ihm von seiner langen Reise. Der Kaiser war davon so begeistert, dass er mehr und mehr davon hören wollte.

So erzählte das Fettchen über 1000 Tage lang, bis es sich daran erinnerte, dass es ja eigentlich wegen eines anderen Namens von zuhause weggegangen war. So fragte es den Kaiser am 1.000 und 1. Tag, ob der nicht ein paar abgelegte Namen übrig hätte. „Ja“, sagte der Kaiser, „die habe ich schon: Kung Futse zum Beispiel oder Mao Zedong oder Chiang Kai-shek. Oder auch Frühlingsrolle, Dim Sum oder Tsingtao.“

Hättest Du davon einen genommen? Siehst Du. Dem Fettchen gefiel auch keiner davon. So fragte es den Kaiser, ob es statt eines ganzen Namens nicht einfach nur einen einzelnen Buchstanden haben könne. Sie hätten doch in China rund 5.000 Schriftzeichen, da käme es auf eines mehr oder weniger doch auch nicht an. Wie wäre es zum Beispiel mit dem ‚r‘? Der Buchstabe gefiel dem Fettchen deswegen mehr als die anderen, weil man ihn so schön rrrollen konnte. Und tatsächlich, weil der Kaiser seine weiten chinesischen Spendierhosen anhatte (sie sehen ungefähr so aus, wie Papas alte Schlafanzughosen), schenkte er ihm das „r“. Er unterzeichnete sogleich ein Gesetz, das nur aus einem Satz bestand, und das ging so:

„Gesetz zur Abschaffung des kleinen ‚r‘:

Der Buchstabe ‚r‘ ist hiermit verboten. Er gehört ab jetzt dem Mustela putorius furo, genannt Fettchen, für immer und ewig.

Del Kaisel von China.“

Da hatte es nun sein „r“. Aber wie bekam es damit einen neuen Namen? Zuerst einmal strich es das „F“ von ‚Fettchen‘ und setzte stattdessen das „r“ davor. Das ging aber nicht, da der Kaiser von China ihm nur das kleine „r“ geschenkt hatte. Außerdem hörte sich „rettchen“ auch nicht eben gut an, das hätte vermutlich die Ratten in der Heimat gestört. Da blieb nur eins übrig: Das ‚r‘ mußte hinter das „F“. Was kam dabei raus? Richtig, das

Frettchen.

Und so ist es bis heute geblieben.

Und wenn Du mir die Geschichte nicht glaubst, dann fahr’ doch einfach nach China und sag’ den Chinesen, sie sollen Dir nur einmal nachsprechen: „Fischers Fritze fischte frische Fische.“ Dann wirst Du schon merken, dass es dort kein kleines „r“ mehr gibt!

Dr. Uli Menz ist das Pseudonym des Autors dieser Geschichte. Er wurde in Leipzig geboren und besuchte dort bis zum Abitur das Leo-Trotzki-Gymnasium. Seinen Dienst in der NVA verbrachte er als Tierpfleger bei den Gebirgsjägern in Schneeberg. Nach der ‚Wende‘ absolvierte er eine Lehre als Tierpfleger im Biosphärenreservat ‚ Heimattierpark Ollerdissen‘ bei Bielefeld. Eigenen Angaben zufolge, erwachte dort sein Interesse für Tiernamen. Entsprechend studierte er im Anschluss an seine Lehrzeit, nun wieder in Leipzig, am dortigen Zentrum für Namensforschung das Fach Onomastik. Seine Promotion hatte das Thema: ‚Dumme Kuh? Scharfer Hund? Zur Anthropomorphie und Onomastik in der Tierliteratur des 17. Jahrhunderts‘. Nach der Promotion wechselte Menz nach Marburg, um am Fachbereich Biologie, Fachgebiet Tierphysiologie, ein Forschungsprojekt ‚Neopalpa donaldtrumpi – Politische und ökologische Aspekte der Nomenklatur neu entdeckter Tierarten‘ zu leiten. Daneben begann, er unter seinem richtigen Namen schriftstellerisch aktiv zu werden. Die im Seume-JOURNAL publizierten Geschichten sind seine ersten Gehversuche mit Einschlaf-Geschichten für Kinder – in der Familie des Autors erfolgreich erprobt.

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