ET LUX.

Julia Sophie Wagner // April 2025

Ein Requiem von Bach?

Theater im Delphi in Berlin

Ja – aber nicht ganz. Am Anfang stand eine Beobachtung: Bearbeitungen von Bachs Musik gibt es in zahllosen Varianten, für alle denkbaren Besetzungen, in allen Stilen. Was aber ist mit den Texten? Die Libretti der Kirchenkantaten von Johann Sebastian Bach bedürfen heute in mehrfacher Hinsicht einer Übersetzung – nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich. Begriffe, Denkfiguren, Bilder, die zur Entstehungszeit unmittelbar verständlich waren, wirken heute fremd oder lösen gar Ablehnung aus. Gemeinsam mit dem Berliner Dirigenten Jakob Lehmann stellte ich mir die Frage: Was würde geschehen, wenn nicht die Musik in die Gegenwart übertragen würde – sondern die Texte? Die Themen der Bach’schen Kantaten – Sterblichkeit, Erlösung, Gnade – sind eingebettet in ein Weltbild, das heute vielen fremd geworden ist. Und doch berühren sie noch immer Grundfragen menschlicher Existenz – nur dass wir sie heute anders stellen, andere Worte dafür suchen.

Julia Sophie Wagner und Jakob Lehmann

Natürlich ist die Sehnsucht, das „irdische Jammertal zu verlassen“, heute nicht mehr dieselbe wie zu Bachs Zeiten. Das Thema Tod und Sterben ist aus der modernen Gesellschaft weitgehend verdrängt. Wir versuchen, maximale Kontrolle zu erlangen über unser gesamtes Leben – von Pränataldiagnostik über Intensivmedizin bis hin zu aktiver Sterbehilfe. Aber irgendwann kommt für jeden von uns der Moment des Loslassens – für den, der geht, und für die, die zurückbleiben. Wir haben keine allgemeingültigen Antworten auf das Wie, das Wann oder das Warum. Wir können nur fragen, zweifeln, hoffen. Und während wir das tun, liegt – spürbar, aber nicht greifbar – die Antwort in Bachs Musik.

Was also haben wir getan? – zwei Jahre lang telefoniert, gezoomt, geschrieben, nachgedacht, ausprobiert. Die ganze Zeit begleitet von der Frage, was wir uns eigentlich dabei gedacht haben, uns in die Werkstatt des größten aller Komponisten zu begeben.

Die Idee begann, wie so oft, mit einem „Wir müssen unbedingt mal etwas zusammen machen!“ – das war damals. In einer anderen Welt, noch vor Corona. Es hätte von diesem Punkt aus eigentlich alles werden können, auch ein Operettenabend oder ein Konzert mit Schönbergs Streichquartett op. 10.

Dann passierte das, was ich so großartig finde, weshalb ich trotz der vielen Zeit und Nerven, die es jedes Mal kostet, immer wieder „Projekte“ realisiere: Eingebung. Anders kann man es nicht nennen – ich kann beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen, welchen Weg ET LUX. zu Anfang genommen hat. Was ich aber weiß, ist, wer dafür verantwortlich ist, dass wir uns wirklich darangemacht haben: Christoph Drescher, damals noch Intendant der Thüringer Bachwochen. Ich hatte ihm von der Grundidee erzählt, und seine Reaktion war: „Macht das – ich engagiere euch, wenn es fertig ist.“

Wir wollten ein neues, abendfüllendes Werk konzipieren, aus einzelnen Sätzen der Kirchenkantaten von Bach – nach seinem eigenen Vorgehen im Parodieverfahren. Bach selbst hat viele seiner Kompositionen zweitverwertet, sowohl mit anderen Texten versehen, als auch musikalisch umgearbeitet. Damit kam die Idee auf, den Lyriker Thomas Kunst mit einzubeziehen. Sein Name war plötzlich da – nachdem ich viele Jahre lang nicht mit einem einzigen Gedanken bei ihm gewesen war. Wieder eine Eingebung. Ich kannte ihn auch gar nicht wirklich, mein Mann hatte mir nur gelegentlich von ihm erzählt. Nicht nur ich kannte ihn nicht – die breite Öffentlichkeit ebenfalls nicht. Beides hat sich seither geändert, denn in seiner Antwort auf meine Anfrage (die erste, spontane Reaktion war: „Auf keinen Fall wage ich mich an Johann Sebastian Bach heran!“ – dann ließ er sich glücklicherweise überzeugen) erzählte er mir, dass sein zweiter Roman Zandschower Klinken bald bei Suhrkamp erscheinen würde. Dieser Roman hat Furore gemacht, ging durch alle Feuilletons und war auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021. Wenig später wurde Thomas Kunst mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet – einer der wichtigsten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.

Radiostudio. Vorstellung ET LUX. Partitur

Nach vielen, vielen Stunden, endlosen Listen, Tabellen, Versuchs-Playlists, WhatsApp-Nachrichten, Telefonaten und Zoom-Meetings (mittlerweile waren wir im Lockdown) war die erste Hürde genommen: Wir hatten ein Stück aus einem Guss. Ein Werk aus Chören, Chorälen, Rezitativen und Arien, schlüssig in der Dramaturgie und der harmonischen und musikalischen Abfolge, für Sängerquartett und Orchester. Das war der erste Moment einer gewissen Erleichterung für mich – der Gedanke „Was ist, wenn wir krachend scheitern?“ war etwas seltener mein Begleiter.

Wie nun sollte ein Text entstehen auf bereits vorhandene Musik? Denn wir hatten uns vorgenommen, nicht einzugreifen in den Notentext. Bachs Musik sollte unangetastet bleiben. Ein neues, endloses Puzzle: Vorgegebene Zeilen- und sogar Silbenanzahl, Schwerpunkte in den Phrasen, Gewichtung der einzelnen Worte, musikalische Stimmung. Dann nicht einfach den Inhalt des Textes paraphrasieren, sondern Thomas’ ganz eigenständige Lyrik, seine Gedanken. Ein zum Ersticken enges Korsett für einen Dichter – und eine gigantische Herausforderung. Ich war durchaus besorgt… krachendes Scheitern des Projekts war weiterhin sehr im Bereich des Denkbaren, aufhören hingegen nie.

Dann gab es diesen Moment – Thomas schickte mir den Text zu einem Rezitativ, ich habe Noten und Text zusammengebracht… und es war gut. Es war richtig gut. Seitdem war die Sorge komplett der Vorfreude gewichen. Es folgten viele, viele Stunden am Schreibtisch und am Klavier, Sprachnachrichten und Versionen der Textverteilung wurden hin- und hergeschickt – dort war ein Schwerpunkt falsch, hier fehlte leider eine Silbe… ungezählte Versionen von Text_ET_LUX.endgültig_version3_final…

Mittlerweile liegt die Uraufführung drei Jahre zurück. Am 1. Mai 2022 war ET LUX. erstmals zu hören – im Abschlusskonzert der Thüringer Bachwochen in der Herderkirche Weimar. Es folgten eine zweite Aufführung in Berlin, später eine Einladung zum Bachfest Leipzig. Das Werk wurde seither mehrfach im Radio gesendet. Immer wieder erreichen mich im Anschluss bewegende Rückmeldungen von Hörerinnen und Hörern, oft aus völlig unerwarteten Zusammenhängen.

Dass dieses Stück seinen Weg findet, über Konzertsaal und Festivalrahmen hinaus, bleibt für mich das größte Geschenk. Die Aufnahme der Uraufführung ist weiterhin online abrufbar: Uraufführung in der Herderkirche Weimar – „ET LUX.“ im Video-Stream.

Mehr erfahren über die ET LUX. Textfassung:

Die vollständige Textfassung ist abrufbar unter eroicaberlin.de
Texte von Thomas Kunst
Konzept und Adaption von Julia Sophie Wagner und Jakob Lehmann


Julia Sophie Wagner

Julia Sophie Wagner studierte an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar bei Venceslava Hruba-Freiberger, an der McGill University in Montreal, Kanada bei Lucile Evans und an der HMT »Felix Mendelssohn-Bartholdy« Leipzig bei Hans-Joachim Beyer. Weitere künstlerische Impulse erhielt sie bei Meisterkursen von Edith Wiens, Peter Schreier, Ingrid Figur und Graham Johnson. Sie ist Preisträgerin mehrerer nationaler und internationaler Wettbewerbe, darunter des Internationalen Mozart Gesangswettbewerbs Prag, des Paula-Salomon-Lindberg-Wettbewerbs für zeitgenössisches Lied und des Lortzing-Wettbewerbs, sowie Stipendiatin des DAAD und der Oper Leipzig.
Konzertreisen und Gastspiele führen sie von Europa über Amerika bis nach Südamerika und Asien, wo sie u. a. in der Berliner Philharmonie, dem Festspielhaus Baden-Baden, dem Palau de la Musica Barcelona, oder im Teatro Colon Buenos Aires auftrat. Julia Sophie Wagner ist zu Gast bei internationalen Festivals wie dem Maggio Musicale Florenz, den Mendelssohn Festtagen und dem Bachfest Leipzig, den Tagen alter Musik Herne, dem Oregon Bach Festival, dem Rheingau Musikfestival oder dem Festival de la Chaise Dieu. Liederabende gibt sie u.a. regelmäßig beim Bachfest Leipzig, außerdem in der Tonhalle Zürich, dem Gewandhaus Leipzig sowie in Japan und den USA.

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