Ferdinand Stolle (1806-1872) - Im Tale, wo die Mulde fließt

Peter Winterhoff-Spurk // Februar 2022

Die Stadt Grimma vom gegenüberliegenden Ufer der Mulde gesehen, 2009 (© Foto: Jo Hey, gemeinfrei, wikipedia.org)
„Im Tale, wo die Mulde fliesst, da steht ein Städtchen fein, Das Niemand wieder gern vergisst, der einmal da kehrt ein.“

Wer in Grimma von der Pöppelmann-Brücke aus Mulde aufwärts durch den Stadtwald spaziert, wird auf etwa halber Strecke ein Denkmal finden, auf dem dieser Vers verewigt ist. Das Denkmal ist dem Journalisten und Schriftsteller Ferdinand Stolle gewidmet, einem heute weitgehend vergessenen Schriftsteller und Journalisten.

Ferdinand Stolle Originalzeichnung von Adolf Neumann, Ausgabe „Die Gartenlaube“, 1873 (© gemeinfrei, wikipedia.org)

Ferdinand Ludwig Anders Stolle wurde am 28. September 1806 in Dresden geboren, war Schüler der berühmten Dresdner Kreuzschule, studierte Jura in Leipzig, brach 1832 sein Studium ab und arbeite danach als freier Schriftsteller und Journalist in Leipzig. Dort bekam er Ärger mit der Zensur, hatte Schulden („einige 80 Taler“) und war insgesamt in einer prekären Lebenssituation.

In dieser unerfreulichen Lage erhielt er 1834 vom „Großherzoglich Weimarschen und Königlich Sächsischen Hofrat 4. Klasse“, dem konvertierten Juden Dr. Carl Ferdinand Philippi das Angebot, die Redaktion zweier Zeitungen zu übernehmen – es waren der ‚Zeitungsbote‘ und der ‚Literarische Hochwächter‘. Dies setzte allerdings einen Umzug nach Grimma voraus, da Philippi dort ein Wohnhaus des 1828 verstorbenen Verlegers Georg Joachim Göschen mitsamt der danebengelegenen Druckerei gekauft hatte. Querelen mit der Zensur in Leipzig und ökonomische Überlegungen hatten ihn dazu gebracht, in der ehemaligen Göschendruckerei ein ‚Verlagskomptoir für Volksunterricht und Volksschulwesen‘, später ‚Verlagskomptoir‘ zu gründen (vgl. Gerhardt Gimpel: Juden in einer kleinen Stadt; Beucha: Sax-Verlag 2/2010).

„Der Gedanke, vollkommen sorgenfrei in dem reizend zwischen Waldbergen, am Ufer der sanftblauen Mulde gelegenen Landstädtchen zu verleben, hatte etwas ungemein Anziehendes für mich. Ich sehnte mich aus dem wenig erquicklichen Dasein in Leipzig heraus“, kommentiert Stolle diesen Umzug in seinen Lebenserinnerungen.

In Grimma kam ihm im Jahr 1842, „…die Idee der Herausgabe eines populären Wochenblattes, das die Weltbegebenheiten auf humoristische und gemeinverständliche Weise zur Anschauung brächte (…).“ Es hieß ‚Der Dorfbarbier. Ein Blatt für gemüthliche Leute‘. Verleger war zunächst eben jener Dr. Philippi. Um Problemen mit der Zensur zu entgehen, erfand Stolle die Kunstfigur des Generals von Pulverrauch, der möglicherweise riskante politische Äußerungen durch seine Ansichten mäßigte. Eine geniale Idee, die von vielen Lesern und wohl auch der Zensur nicht erkannt wurde. Der General wurde für einen realen Menschen gehalten!

Die zeitgenössische Kritik bemerkte dazu, dass „(…) das Publicum seine im Jahre 1844 gegründete Zeitschrift „Der Dorfbarbier“ mit einem wahren Jubel aufnahm. Das Blatt erschien anfänglich in Grimma, „grau wie alle Theorie“, auf Löschpapier gedruckt. Dies hemmte aber nicht seine Beliebtheit, und in Sachsen, wie namentlich auch in Schlesien, gab es keine Dorfschenke, wo nicht der „Dorfbarbier“ zu finden war. Er wanderte ebenso gut auf das Rittergut und in die Pfarre, wie in das Forsthaus und in die Hütte des Landmannes.“

1854 endete Stolles Kontrakt mit Philippi, da sich beide über eine Vertragsverlängerung nicht einigen konnten. Stolle führte das Projekt mit dem befreundeten Leipziger Buchhändler Ernst Keil weiter – und brachte es in kurzer Zeit zu einer Auflage von 20.000 Exemplaren!

Ernst Keil, Ausgabe „Die Gartenlaube“, 1872 (© gemeinfrei, wikipedia.org)

Aus dieser Freundschaft erwuchs ein außerordentlich erfolgreiches und historisch bedeutsames Projekt: ‚DIE GARTENLAUBE‘ (siehe dazu den entsprechenden Artikel im Seume-JOURNAL).

Im Jahr 1853 kündigte er die erste Ausgabe dieser neuen Wochenzeitschrift an, sie sollte nach kurzem mit fast 400.000 gedruckten Exemplaren das erste Massenblatt der Mediengeschichte werden. Tatsächlich aber war nicht Stolle, sondern sein Leipziger Freund und Verleger Ernst Keil der Herausgeber. Dessen Leipziger Gartenlaube hatte der Zeitschrift den Namen gegeben. Keil hatte die bürgerlichen Ehrenrechte wegen eines Vergehens gegen das Pressegesetz verloren, Stolle war somit sein Strohmann, der lediglich die presserechtliche Verantwortung hatte und selbst von 1853 bis 1867 nur rund 20 poetische und novellistische Beiträge schrieb. So anheimelnd-biedermeierlich der Titel auch klingt: Die Zeitschrift war dennoch der Versuch, in den Jahrzehnten nach der 1848er Revolution liberale politische Vorstellungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Der Titel war also vor allem Camouflage für die Zensur.

Stolle verfasste zahlreiche historische Romane sowie Zeitromane, Erzählungen und Gedichte. In ‚Deutsche Pickwickier. Komischer Roman aus den Jahren 1830–32‘ (3 Bde., 1839) setzt er sich kritisch-satirisch mit den kleinstädtisch-provinziellen Verhältnissen in Deutschland auseinander. Als Vorbild für das hier geschilderte fiktive Städtchen Neukirchen dienten ihm Grimma und seine Bewohner, die er durchaus liebevoll beschrieb. Das Buch lässt sich auch heute noch vergnüglich lesen.

Stolle, Ferdinand: Deutsche Pickwicker. Komischer Roman. Erster Theil, S.1, Leipzig, Ernst Keil, 1853 (© gemeinfrei, wikipedia.org)

Mehrere Romane behandeln ferner den von ihm bewunderten Napoleon Bonaparte und die Zeit der Befreiungskriege. Da auch diese Romane sehr beliebt waren, hat Stolle damit auch den Napoleon-Mythos in Deutschland forciert. Das Buch ‚1813‘ – mehr Geschichtsbuch als Roman, mehr Schlachtenbeschreibung als Liebesgeschichte – lässt sich durchaus auch heute noch mit Gewinn lesen.

Nicht alle aber haben ihm seine Erfolge gegönnt. Ein altbayerisch-vaterländischer Kritikus schrieb über ihn:

„Als Schriftsteller besaß St. keine hervorragenden Gaben und er verdankt den Umstand, daß er einige Jahrzehnte überaus viel genannt und auch einer der gelesensten Autoren war, bloß den Erfolgen, die sein redactionelles Geschick im Bunde mit dem vor 1848 wenig kritischen Lesebedürfnisse des Philisterthums erzielte. Er bewies eine äußerst fruchtbare Feder und hat eine lange Reihe historischer Romane und humoristischer Erzählungen veröffentlicht, von denen die ersten meist an den nackten Thatsachen hängen bleiben und nirgends zu rechter Charakteristik von Personen und Ereignissen ansetzen, die letzteren wenig Witz und packende Laune, aber viel Behagen zur Schau tragen. Trotz alledem befriedigte sein schwächliches Talent geraume Zeit die Ansprüche des lesehungrigen Mittelstandes und beförderte in breiten Kreisen des Vaterlandes eine gewisse schlafmützige Beschaulichkeit, aus der sie erst die Revolutionsstürme aufrüttelte.“ (Artikel „Stolle, Ferdinand“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie [= ADB], herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 786–788).

Nach 21 Jahren Kleinstadt und knapp einem Drittel seines Lebens zog es Stolle im Jahr 1855 dann doch wieder in seine Geburtsstadt Dresden. Dort endete 1863 seine journalistische und literarische Tätigkeit. Er konnte und wollte von den Früchten seiner Arbeit gut leben. Der Kritikus hat ihn nicht mehr ärgern können, denn gestorben ist Stolle schon im Jahr 1872.

Keine hervorragenden Gaben? Schwächliches Talent? Biedermeierliche Beschaulichkeit? Mag sein. Der Verfasser dieses Artikels jedenfalls las und mochte schon als Kind Stolles Gedicht über Grimma und wünscht ihm ein wohlwollenderes Gedenken als das jenes altbayerischen ‚emmerdeurs‘!

„Von Hohnstädt ging der Seume fort,
Und strampelte zu Fuß,
Von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort,
Bis hin nach Syrakus.
Doch selbst wo heiß die Sonne sticht,
Im tiefen Südenland,
Vergaß er dich, mein Grimma, nicht,
Und nicht den Muldenstrand.“

Stolles Gartenlaube in Grimma © Foto: Gerhard Weber/Stadt Grimma (mit Erlaubnis der Stadt Grimma)

Alle Zitate von Stolle stammen aus dessen Buch ‚Lieder und Gedichte nebst lebensgeschichtlichen Umrissen. Leipzig: Ernst Keil, 1855‘. Für den Hinweis auf dieses Buch und für einen sachkundigen Blick auf diesen Beitrag danke ich dem Leiter des Museums Göschenhaus in Grimma, Thorsten Bolte.

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