Gerhart Baum: Ein Kommentar zum Buch ‚Werner Maihofer – Vordenker des Sozialliberalismus‘

Gerhart Baum // Mai 2022

Gerhart Baum, Festakt 60 Jahre Friedrich-Naumann-Stiftung, Berlin 2018 (© Foto: Olaf Kosinsky, gemeinfrei, wikipedia.org)

Anmerkung des Verlags: Die u.a. Mail hat der frühere Innenminister der Bundesrepublik, Gerhart Baum, an den Ko-Autor des Buches ‚ Werner Maihofer – Vordenker des Sozialliberalismus‘, den früheren Wirtschaftsminister des Saarlandes, Reinhold Kopp geschickt. Beide haben uns dankenswerterweise erlaubt, diese Mail zu veröffentlichen.

Lieber Herr Kopp,

ich habe Ihre Biografie mit großer Aufmerksamkeit gelesen - betrifft sie streckenweise doch sehr intensiv mein politischen Leben und mein Verhältnis zu Maihofer. Er war für mich so etwas wie ein väterlicher Freund. Ich habe ihn respektiert und ihm meine volle Sympathie entgegengebracht. Er war für uns Linksliberale eine wichtiger Ideengeber, eine Symbolfigur. Eine Zeit lang wurde er Sonderminister, u.a, um die Pläne des Freiburger Programms zur Vermögensbildung zu realisieren. Wir wollten unbedingt, dass er Minister wurde und dann gab man ihm diese Aufgabe. Schmidt und Lambsdorff ließen ihn auflaufen. Lesen Sie unser Buch „Der Baum und der Hirsch“, Propyläen Verlag - da erkennen Sie welches Unheil am Liberalismus, wie wir ihn verstanden, Lambsdorff im Lauf der Jahre angerichtet hat. Er hat auch die liberale Umweltpolitik getötet. In Handhabung von Macht war er Genscher oft überlegen, so auch bei der Wende 1982. Als die Linksliberalen schwächer wurden - auch durch die Enttäuschung, die in der liberalen Öffentlichkeit um sich griff - ausgelöst durch seine sich von liberalen Auffassungen unterscheidende Amtsführung.

Mein Verhältnis zu Maihofer war am Ende einer starken Belastungsprobe ausgesetzt. Ich habe ihn ja im Amt jahrelang begleitet und unterstützt. Und auch seine Unzulänglichkeiten erlebt. Lange Sitzungen - keine schnelle Entscheidungen, aber sehr substantielle Diskussionen - und dann in der Schleyer Krise praktisch Aufgabe seiner Schlüsselrolle, die er ja als Chef der Sicherheitskräfte hatte, an Schmidt und Beamte wie Herold. Ich hätte mir das nie gefallen lassen, auch später nicht. Und für die Schleyer Panne war er wahrlich nicht allein politisch verantwortlich. Es war eine Schlamperei, mit verheerender Folge, für die nicht nur Bonn, sondern auch Düsseldorf verantwortlich war. Aber er hat dem Ministerium in vielerlei Hinsicht auch gut getan und seine Spuren hinterlassen und gelernt, wie man mit einem solchen Apparat umgeht. Ich habe versucht, ihn zu beraten und vor Fehlentscheidungen zu bewahren. Das war manchmal schwer. Als er die Unterstützung der Bürgerrechtsliberalen und vieler Intellektueller verlor, kam ich in eine schwierige Lage zwischen Freundschaft und eigener Überzeugung, denn ich habe diese Kritik geteilt. Meine Rede zu seinem Abschied und zu meiner Amtseinführung spiegelt das wider. Ich musste sichtbar machen, dass etwas Neues begann, ohne dass ich mich persönlich von ihm entfernte. Es gab eine gewisse Abkühlung, aber keine Entfremdung. Ich habe dann nicht verstanden, dass er sich für Westerwelles Programm noch eingesetzt hat, das mit Freiburg nicht mehr viel zu tun hatte, das wunderte mich. Aber seiner Liberalität blieb er ja immer treu.

Sein wichtiges Erbe für den Liberalismus ist das Freiburger Programm, dessen Grundeinstellung mich als sozialen Liberalen geprägt hat - bis heute. Ich vertrete es, wo immer ich es kann, und finde vor allem bei jüngeren Liberalen Widerhall. Die FDP insgesamt versteht sich heute anders. Sie hat ein anderes Verhältnis zur Freiheit, das sie oft mit Verantwortung nicht verbindet. Dazu habe ich auch in meinem Buch „Freiheit-ein Appell“ geschrieben. Maihofer war für die Entwicklung des Liberalismus in Deutschland ein wichtiger Politiker, der beides - Wissenschaft und aktive Politik - lange in Einklang brachte. Das war für ihn sicher oft nicht leicht und das ist Vielen nicht gelungen.

Prof. Dr. Maihofer und Gerhart Baum auf dem FDP-Bundesparteitag, 1977 in Kiel (© Foto: Ludwig Wegmann, Bundesarchiv, B 145 Bild-F052008-0023, CC-BY-SA 3.0 gemeinfrei, wikipedia.org)

Alles in allem - eine reiches tätiges Leben mit vielen Impulsen, Wirkungen, fundierten wissenschaftlichen Arbeiten, einer fruchtbaren Lehrtätigkeit bis in die europäische Ebene hinein. Eine faszinierende, beeindruckende Persönlichkeit, der ich viel zu verdanken habe.

Gut, dass Sie diesen Rückblick auf sein Leben mit Ihrem Koautor geschrieben haben. Einiges war auch für mich neu. Sie haben viele Situationen, die unser Land geprägt haben, sachkundig dargestellt und bewertet.

Mit den besten Grüßen
Ihr Gerhart Baum

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