Hitzluapitzli und Kuschuru

Dr. Rainer Sandweg // Februar 2025

Hitzluapitzli Gemälde von Dr. Rainer Sandweg

Nach der ersten Geschichte malte Babette ein Bild von Hitzluapitzli. Man konnte nicht genau erkennen ob das ein Junge oder ein Mädchen war. Ich wurde nachdenklich: eigentlich war es für Babette ziemlich schwierig, wenn ich nur Jungengeschichten erzählte. Mir wurde klar, warum sie manchmal beim Zuhören nicht so aufmerksam war, wie ihr Bruder. Schließlich war das eine reine Jungengeschichte. Für ein Mädchen musste es schwierig sein, sich in die Lage des Helden zu versetzen, sozusagen in seiner Haut die Abenteuer mit zu erleben. Babettes gemalter Einwurf war also berechtigt. Und so erfand ich die nächste Geschichte:

Hitzluapitzli verbrachte seine Tage damit, dass er sich mit seinen Freunden im Dorf oder in der Nähe herumtrieb. Sie bauten Zelte auf, spielten auf die Jagd gehen, Tiere zerlegen, Trockenfleisch zubereiten, Krieg führen und vieles andere mehr. Die Jungs waren meistens unter sich. Mit den Mädchen kamen sie nur zusammen, wenn sie Schwestern hatten. Aber sie fanden Mädchen nicht interessant -und die eigenen Schwestern schon gar nicht. Mädchen waren viel braver, halfen der Mutter und waren beim Krieg spielen oder auf die Jagd gehen nicht zu gebrauchen. Einmal hatten sie Hitzluapitzlis größere Schwester gefangen und sie im Wald an einen Baum gebunden, den sie zum Marterpfahl erklärten. Sie hatte so laut geheult, dass die Erwachsenen aus dem nahen Dorf herangerannt kamen und die „tapferen Krieger“ fliehen mussten. Abends zu Hause gab es auch noch ein großes Donnerwetter. Die Mädchen wiederum fanden die Jungs zu frech, zu laut und außerdem zu angeberisch. Die nahmen immer den Mund zu voll und bildeten sich ein, sie seien schon große Krieger. So war es denn eigentlich kein Wunder, dass Jungs und Mädchen wenig miteinander zu tun hatten. Ja, es konnte sogar passieren, dass ein Junge von seinen Freunden ausgelacht wurde, wenn er mit einem Mädchen zusammen war: „Schaut euch den an, der hat ja ´ne Freundin.“ Hitzluapitzli fand das ganz richtig, wie seine Freunde zu den Mädchen standen, und ihm ging es nicht anders.

Eines Tages streifte er allein im Wald herum, als er plötzlich Kuschuru, begegnete, der Tochter des Häuptlings großer Bär. Sie war ein schönes Mädchen, etwa so alt wie er. Ihr Name bedeutet „Stern der Nacht“. Ihre großen dunklen Augen schauten eigentlich lustig und neugierig in die Welt. Sie sah immer so aus, als ob sie im nächsten Moment eine Frage stellen wollte und das tat sie auch jetzt:

„Was machst du denn hier?“

Hitzluapitzli wusste nicht, was er mit der Frage anfangen sollte. Es machte ihm einfach Spaß im Wald zu sein: man konnte Tiere beobachten, auf Bäume klettern, sich Geschichten einfallen lassen und so. Was gab es da zu erklären? So stand er da, mit leicht geöffnetem Mund und sagte gar nichts.

„Hast du die Sprache verloren oder bist du gegen einen Baum gelaufen und weißt gar nichts mehr?“ fragte Kuschuru ihn freundlich. „Komm, wir gehen ein Stück zusammen“.

Ehe er weiter nachdenken konnte, trabte er neben ihr durch den Wald. Er war erstaunt, wie flink sie war und wie gut sie sich auskannte. Sie erzählte ihm von den verschiedenen Kräutern und Pflanzen. Sie wusste, welche als Heilkräuter und welche zum Würzen benutzt wurden. Auch giftige Pflanzen kannte sie. Die Zeit verging wie im Fluge, er fand es eigentlich sehr schön mit ihr. Sie war freundlich zu ihm, konnte fast so gut laufen und klettern wie er selbst und kannte sich in vielen Dingen aus. Und dann war da noch etwas: irgend etwas war anders als mit seinen Spielkameraden. Er konnte nicht sagen was. Vielleicht, wie sie sich bewegte, wie sie sprach, wie sie aussah. Sie war sanfter, weicher, es zog ihn sehr an. Es war schon Abend, als sie das Dorf erreichten und sich voneinander verabschiedeten nach Hause zu gehen. Hitzluapitzli fühlte sich ganz fröhlich und leicht. Nach dem Essen saß die Familie noch draußen vor dem Lagerfeuer und Großmutter erzählte eines seiner Lieblingsmärchen: vom Zauberer, der seine Zauberformeln durcheinander brachte und nun immer ganz falsche Sachen zauberte. Er hörte zu, aber manchmal merkte er, dass er gar nichts verstanden hatte, weil er immer noch an den Nachmittag mit Kuschuru denken musste.
In der Nacht konnte er nicht einschlafen, aber eigentlich wollte er es auch gar nicht. Was er erlebt hatte, war so schön, dass er noch lieber wach daran dachte, als es seinen Träumen zu überlassen. Schließlich schlief er doch ein, ganz entspannt und ruhig. Am nächsten Morgen hatte er sich mit seinen Freunden verabredet, um zum Fluss hinunter zum Fischen zu gehen. Sie trafen sich und zogen lärmend zum Fluss. Einer versuchte, den Anderen mit der Größe der Fische zu übertreffen, die sie zu angeln beabsichtigten. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag und Hitzluapitzli fühlte sich gut, so wie meistens. Nachmittags, als sie ins Dorf zurückkehrten, kamen sie an einer Gruppe Mädchen vorbei, die irgendetwas miteinander spielten. Hitzluapitzli schielte zu ihnen hinüber, ob er irgendwo Kuschuru erblicken konnte. Es war ein bisschen schwierig, denn die anderen Jungs durften nicht sehen, wofür er sich interessierte. Dann hätten sie ihn vielleicht ausgelacht. Kuschuru winkte ihm fröhlich zu, aber er tat, als ob er sie nicht bemerkt hätte. Hinterher, als er zu Hause war, fand er, dass er sich ziemlich blöde verhalten hatte. Aber er konnte doch wohl nicht einfach seinen Freunden zeigen, dass er an Kuschuru Interesse hatte.
Im Laufe der nächsten Tage begegnete er ihr noch oft. Das heißt, eigentlich wusste er es so einzurichten, dass sie sich scheinbar zufällig trafen. Er meinte aber festzustellen, dass Kuschuru irgendwie das Interesse an ihm verloren hatte. Jedenfalls grüßte sie ihn nur flüchtig und machte keine Anstalten, sich mit ihm zu unterhalten. Warum mochte sie ihn nicht mehr? Bestimmt, weil er kein Häuptlingssohn war und sie eine Häuptlingstochter. Es ging ihm gar nicht gut. Er hatte keine Lust, mit seinen Freunden zu spielen, das Essen schmeckt ihm nicht und sogar Großmutters Geschichten am abendlichen Lagerfeuer waren nicht so spannend wie sonst. Häufiger als üblich, streifte er alleine durch die Wälder, vielleicht begegnete er Kuschuru ja zufällig. Als er eines Abends im Wald an seinem Lieblingsplatz unter der großen Eiche saß und die untergehende Sonne betrachtete, hörte er über sich ein Rauschen und Flügelschlagen. Ein Schatten nähert sich ihm, so dass er zusammenschrak. Dann merkte er, dass sich ein großer Adler über ihm auf einem Ast niedergelassen hatte.

„Warum machst Du so ein trauriges Gesicht?“ fragte der Adler?

„Ach, davon verstehst Du nichts“ antwortete Hitzluapitzli.

„Hast Du denn schon mit jemandem über deinen Kummer geredet?“ fragte der Adler.

Hitzluapitzli, schüttelte den Kopf.

„Dann wird es aber höchste Zeit, sonst wirst du ja noch ganz krank davon“.

Der Adler hatte recht, dachte Hitzluapitzli, krank fühlte er sich jetzt schon.

„Also schieß mal los, du kannst sicher sein, dass ich es niemandem erzählen werde“.

Und so erzählte er die ganze Geschichte mit Kuschuru. Als er geendet hatte, saß der Adler eine Weile da, ohne zu antworten.

„Dass Kuschuru Dich nicht mag, glaube ich nicht. Und dass sie nichts von Dir wissen will, weil sie die Tochter des Häuptlings ist, halte ich auch nicht für wahrscheinlich. Aber eines weiß ich ziemlich genau: sehr geschickt warst Du nicht. Es ist nicht freundlich, wenn Du so tust, als kenntest Du sie nicht, nur um Dich von Deinen Freunden nicht zu blamieren. Dann musst Du Dich nicht wundern, wenn sie Dir die kalte Schulter zeigt.“

Eigentlich stimmtes das. Er hatte mehr auf das geachtet, was seine Freunde von ihm hielten und seine eigenen Gefühle und Wünsche gar nicht bemerkt.

„Meinst Du, ich kann das wieder in Ordnung bringen?“

„Ich weiß nicht“, antwortet der Adler, „am besten, Du redest mal mit ihr und erklärst ihr alles.“

„Aber sie wird es bestimmt nicht verstehen“.

„Wenn du so anfängst, brauchst du erst gar nicht hinzugehen. Meinst du, Mädchen verstünden weniger als Jungs?“

„Es wäre gut“ überlegte Hitzluapitzli, „wenn ich mit einem Geschenk für sie kame, vielleicht hört sie mir dann eher zu“.

„Das könnte sein, aber was willst du ihr schenken?“ fragte der Adler.

Hitzluapitzli schaute in die Sonne, die gerade wie ein dunkelroter Feuerball am Horizont unterging.

„Wenn ich ihr doch nur ein Stück von der roten Sonne schenken könnte, so als Edelstein“.

„Du bist nicht gerade bescheiden“, sagt denn der Adler.

„Kannst Du nicht zu Sonne fliegen und ein Stückchen aus ihr herausbrechen?“ bat Hitzluapitzli.

Der Adler überlegte: „Drei Tage brauche ich bis zur Sonne und dann muss ich aufpassen, dass ich am Abend ankomme, denn tagsüber ist die so heiß, dass ich mir die Flügel verbrenne“.

„Also gut“ sagte, er, „sei in sechs Tagen um die gleiche Zeit wieder hier. Ich will sehen, was sich machen lässt, versprechen kann ich es nicht.“

Mit mächtigem Flügelklatschen, erhob sich der Adler in die Lüfte und flog in Richtung untergehender Sonne. Es war inzwischen Nacht geworden, und die Sterne leuchteten am klaren Himmel. Hitzluapitzli beeilte sich, nach Hause zu kommen und dachte über seine Abenteuer nach. Ob der Adler Wort halten würde? Die nächsten sechs Tage vergingen kaum. Ein Tag dauerte so lange wie sonst eine Woche. Aber so ist das wohl immer, wenn man ungeduldig auf etwas wartet. Endlich war es soweit, Hitzluapitzli war lange vor der verabredeten Zeit unter der großen Eiche. Er starrte in Richtung Sonne, die noch halbhoch am Nachmittagshimmel stand. Vielleicht konnte er den Adler schon als schwarzen Punkt in der Ferne entdecken. Er musste sich jedoch gedulden. Erst als die Sonne schon fast untergegangen war, sah er einen schwarzen Fleck am Himmel, der schnell größer wurde. Der Adler flog ein, faltete seine Flügel zusammen und ließ sich auf dem Ast über Hitzluapitzlis Kopf nieder.

„Hast Du´s?“ fragte Hitzluapitzli

„Ja“ antwortete der Adler und dabei fiel ihm ein roter Stein aus dem Schnabel und kullerte über den Boden. In der beginnenden Dunkelheit leuchtete er und strahlte ein warmes rotes Licht aus.

„Das ist ja toll, staunte Hitzluapitzli.

Dann schau er den Stein genauer an.

„Verbrenne ich mir auch nicht die Finger, wenn ich ihn anfasse?“

„Meinst du, dann hätte ich ihn im Schnabel halten können, die ganzen drei Tage lang, die ich mit ihm geflogen bin? Wenn die Sonne untergeht, kühlt sie ab, deshalb kannst Du ihn ruhig anfassen“.

„Ich danke dir,“ sagt Hitzluapitzli zum Adler.

„Bitte“ erwiderte der Adler. „hoffentlich gefällt er Kuschuru auch. Ich muss jetzt erst mal etwas zu fressen suchen. Seit drei Tagen habe ich nichts mehr gehabt“.

Er bereitete er seine Flügel aus und flog in den Abendhimmel hinein.

Hitzluapitzl steckte den Stein in einem kleinen Lederbeutel und ging nach Hause. Am nächsten Tag traf er Kuschuru.

„Soll ich dir mal was zeigen? fragte er. Was ganz Tolles?“

Ja, gerne“.

„Dann komm doch heute Nachmittag mit in den Wald“.

„Abgemacht“.

Und so gingen sie nachmittags gemeinsam durch den Wald, wie sie es beim ersten Mal getan hatten. Auf einer Wiese machten sie halt. Hitzluapitzli holte den Lederbeutel hervor und öffnete ihn.

„Schau mal!“

Kuschuru war ganz begeistert als sie den leuchtenden Stein sah.

„Ist der schön, wo hast Du den denn her?“

Hitzluapitzl begann die ganze Geschichte zu erzählen. Was er empfunden hatte, als sie sich trafen, wie er zu ihr herüber geschielt hatte und sich nicht getraut hatte, mit ihr zu reden, wie er traurig wurde. Er erzählte vom Adler und dem Stückchen Sonne, das dieser ihm besorgt hatte. Als er fertig war, lachte Kuschuru, schlang ihre Arme um seinen Hals und gab ihm einen Kuss.

„Und ich dachte, Du interessierst dich nicht für mich und magst mich nicht“.

Sie saßen noch lange auf der Wiese im Wald. Kuschuru hielt den Stein auf ihrer Hand und sie betrachteten ihn lange. Schließlich umschloss sie den Stein mit ihren Fingern und sagte:

„Wenn ich ihn so glühen sehe, dann wird mir ganz warm. Es ist so ein Gefühl, wie wenn man sich mag“.

„Stimmt“, sagt er.

Erst als es dunkel wurde gingen sie Hand in Hand nach Hause. Kuschuru trug von da an den Lederbeutel um den Hals immer bei sich. Aber sie öffnete ihn nur, wenn sie allein waren und zeigte ihren Schatz keinem anderen. Sie waren jetzt oft zusammen. Und natürlich wurde Hitzluapitzl von seinen Freunden nicht verstoßen. Sie hatten ihn zwar im Anfang etwas angepflaumt, aber als merkten, dass ihm das nichts ausmachte, hörten sie damit auf.


Dr. Rainer Sandweg

Die Hitzluapitzli-Geschichten sind vor vielen Jahren entstanden, als meine Tochter Babette 7 und mein Sohn Florian 5 Jahre alt waren. Ich war damals schon Nervenarzt und nahm in Berlin an einer Ausbildung zum Psychoanalytiker teil. Die Kinder sind schon lange erwachsen, haben selbst eine Familie und gehen ihren Berufen nach. Ich selbst bin als Arzt und Psychotherapeut in eigener Praxis tätig.


Journal

Social Media Kanäle abonnieren