Jüdisches Leben und Kultur in Leipzig - damals und heute
Lutz Simmler // Dezember 2024
Steffen Held, Eta Zachäus und Svetlana Yudeleitsch (© Foto: Lutz Simmler)
Lutz Simmler // Dezember 2024
Steffen Held, Eta Zachäus und Svetlana Yudeleitsch (© Foto: Lutz Simmler)
Wie leben und wirken die Frauen und Männer der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig (IRG Leipzig), was ist ihnen wichtig, was bewegt sie, was bewegen sie? Die Leipziger Eta Zachäus, Steffen Held und Svetlana Yudeleitsch aus der „Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig“ haben sich für den Dialog auf den Weg nach Grimma ins Göschenhaus gemacht, um darüber zu informieren und mit den Gästen ins Gespräch zu kommen.
Musikalisch stimmte Svetlana Yudeleitsch die Gesprächsrunde ein. Die in Leipzig ansässige Violinistin begann mit Musikstücken aus dem Klezmer. Klezmer ist eine aus dem Judentum stammende Volksmusiktradition. Ursprünglich ist es die Hochzeitsmusik der aschkenasischen Juden aus dem osteuropäischen Raum. Die Wiedergabe und Interpretation hat sich in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt und das zu einer eigenen Musikrichtung. Traditionell geblieben ist, Männer und Frauen tanzen getrennt. Frau Yudeleitsch ist in der Ukraine geboren, wohnt und arbeitet nun bereits seit mehreren Jahren in Leipzig und der Region, unterrichtet Klavier und Violine. Mit ihrem herzlichen mitreißenden Violine-Spiel gab sie einen tiefen Einblick in die musikalische Kultur der Gemeindemitglieder, dabei nahm sie alle Anwesenden mit. Die Titel der beiden ersten Musikstücke waren dabei Programm, jüdische Straßenmusik - zum Nachdenken.
Eta Zachäus, Sonderbeauftragte für Jüdische Friedhöfe und Historiker Steffen Held (© Foto: Lutz Simmler)
Steffen Held beschäftigt sich als Historiker schon seit langem mit der jüdischen Stadtgeschichte in Leipzig. Um das jüdische Leben heute mit all seinen Herausforderungen zu verstehen, begann er seine Ausführungen Anfang des 18. Jh. 1710 wohnte eine jüdische Familie in Leipzig, 1813 etwa 80 Jüdinnen und Juden. Eine Gemeindegründung (durch staatliche Anerkennung) erfolgte am 2. Juni 1847, als Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig. Auch die seit dem 19. Jh. in Grimma wohnenden Juden gehörten aufgrund der gesetzlichen Bestimmung der Jüdischen Gemeinde in Leipzig an. Wichtig für die Existenz einer jüdischen Gemeinde – 10 Männer – nur in dieser Anzahl ist die Ausübung des Gottesdienstes möglich. Für das Anwachsen der Gemeinschaft stand der allmähliche Zuzug aus Osteuropa oft im Zusammenhang mit der Leipziger Messe. Für die Existenz einer Jüdischen Gemeinde braucht es neben dem Bethaus (Synagoge) auch einen Friedhof. Die Begräbnisstätte muss gesichert sein, denn das ist der Ort, an dem bei der Ankunft des Messias dereinst ewiges Leben beginnt. Schwieriger und meist mit unüberwindbaren Hürden war auf diesem Weg die Anerkennung als deutscher Staatsbürger, so besaßen im 20. Jh. 70 % der Juden nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Was dies bedeutete wurde im Oktober 1938 deutlich als 1.600 Juden aus Leipzig nach Polen abgeschoben wurden. Sie wurden ins Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen getrieben und gerieten in größte Not und Verzweiflung. Damit eröffnete Steffen Held den Blick auf einen dunklen Zeitabschnitt deutscher Geschichte. 1933 hatte die Leipziger Jüdische Gemeinde etwa 12.000 Gemeindemitglieder, darunter auch 23 Jüdinnen und Juden in Grimma. Entrechtung und Diskriminierung wurden immer gewalttätiger. Am 9. November 1938 eskalierte die Gewalt in den Novemberpogromen. 1941 begannen die Deportationen in die Vernichtungslager. Damit verbunden unendliches Leid, das Erlöschen des jüdischen Lebens in der Stadt, das Verschwinden der religiösen Praxis und der gelebten Traditionen in ihrer vorher vorhandenen großen Vielfalt. Nach dem Holocaust lebten in Leipzig noch 24 Juden, die im Mai 1945 die Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig wiedergründeten. Das jüdische Leben wurde wiederaufgenommen, in kleinem Umfang, die Synagoge war in der Keilstraße. Die zerstörte Synagoge in der Gottschedstraße (heute Mahnmal) konnte nicht wiederaufgebaut werden. 1989 hatte die Gemeinde 35 Mitglieder, dazu muss erwähnt werden nicht jeder Jude, nicht jede Jüdin ist auch Mitglied in der Jüdischen Gemeinde. Hier bildet sich eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung ab, welche die überwiegende Zahl der Religionsgemeinschaften betrifft. Nach 1990 erfolgten dann neue, oft turbulente Entwicklungen, eingeleitet durch die sogenannten Kontingentflüchtlinge. Das sind Juden und Jüdinnen aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie brachten intensive neue kulturelle Prägungen, Sprache, Musik etc. mit, um nur einige Aspekte zu nennen.
Violinistin Svetlana Yudeleitsch (© Foto: Lutz Simmler)
Nachdem uns Frau Yudeleitsch mit ihren musikalischen Darbietungen wieder emotional abgeholt hatte, ist es jetzt Eta Zachäus, Sonderbeauftragte für Jüdische Friedhöfe, die uns tiefe Einblicke in die jüdische Bestattungskultur gab. Chewra Kadischa, die heilige Beerdigungsgesellschaft – so die Bezeichnung der religiösen Vereinigung, der sie neben mindestens weiteren 10 Gemeindegliedern angehört. Auch hier wie beim Gottesdienst, 10 Männer ist die Mindestanzahl. Die Chewra Kadischa übernimmt alle Aufgaben, die sich mit Sterben, Bestattung und Trauer verbinden. Ebenso gehört die Waschung des/der Verstorbenen, die Einsargung und das Kaddisch-Gebet am Grab zu den traditionellen religiösen Riten. Übrigens gibt es seit 1928 einen Neuen Israelitischen Friedhof in Leipzig-Eutritzsch. Darüber hinaus gehende religiöse Handlungen sind Elemente der Trauerbegleitung, die die Angehörigen individuell festlegen. Dabei ist das Besondere, dass durch die Rituale an dem Ort der Ausübung auf dem Jüdischen Friedhof Gemeinschaft gelebt wird. Der Friedhof wird zum Bestattungsort, zum Ort der Begegnung und zum Ort der Erinnerung, dazu es ist der Ort, an dem man ewig sein wird. In dem Ritual geschieht die Fortführung der Tradition hier in Leipzig. Das Wiederanknüpfen an frühere Traditionen ist in seiner Bedeutung nach der Vernichtung und Auslöschung jüdischen Lebens nach 1933 eine bedeutsame Entwicklung. Die Besucher der Veranstaltung nutzten die Möglichkeit und stellten Nachfragen zu dem Vorgetragenen.
Den Abend und das Zusammensein schloss Svetlana Yudeleitsch mit dem jiddischen Lied ´Masel tov´ ab, was übersetzt dem Wunsch für – Viel Glück/ Viel Erfolg – entspricht. Was wir uns auch in unseren Zeiten wünschen.
Möglich wurde die Veranstaltung durch die Unterstützung über das Bundesprogramm Demokratie LEBEN und die Bereitstellung der Räume durch die Stadt Grimma im Göschenhaus Grimma-Hohnstädt, organisiert von der Seume-Gesellschaft „ARETHUSA“.
Lutz Simmler
Vors. Internationale J.-G.-Seume-Gesellschaft „ARETHUSA“
Internationale Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft „ARETHUSA“ e.V.
Göschenhaus Grimma-Hohnstädt
E-Mail: lutz.simmler@seumeverein-arethusa.de
Homepage: Seumegesellschaft-Arethusa.de

Lutz Simmler wohnt in Grimma-Hohnstädt und ist 1. Vorsitzender der Internationalen Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft „ARETHUSA“ e.V. und Geschäftsführer des ‚Geopark Porphyrland. Steinreich in Sachsen Nationaler Geopark‘
Dr. Uli Menz
Peter Winterhoff-Spurk
Eingelesen von Matthias Girbig
Wolfgang Kerkhoff
Peter Winterhoff-Spurk
Pfr. Dr. Thomas Bergholz
Wolfgang Kerkhoff
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