Können, dürfen, sollen Journalisten Haltung zeigen?
Wolfgang Kerkhoff // Januar 2026
Anja Reschke erhält 2019 in Homburg/Saar den Siebenpfeiffer-Preis für aufrechten Journalismus (© mit freundlicher Genehmigung des Photografen Martin Baus)
Im Saarland wird ein Siebenpfeiffer-Preis vergeben. Ihn bekommen Journalisten für ihr „Engagement, das keine Rücksichten auf berufliche Karriere oder finanzielle Vorteile kennt“. Namensgeber ist Philipp Jakob Siebenpfeiffer, ein Jurist und Journalist, der von der Saarpfalz aus gegen die repressive bayerische Monarchie sowie sonstige Fürstenwillkür agitierte und so eine Demokratiebewegung steuerte, die 1832 mit dem Hambacher Fest zur ersten deutschen Massen-Demo führte.
Als Preisträger erwählte die Siebenpfeiffer-Stiftung in Homburg unter anderem Ralph Giordano, Peter Scholl-Latour, Günter Wallraff, Heribert Prantl und Anja Reschke. Klangvolle Namen, und man erinnert sich, dass die unerschrockene Anja Reschke sehr viele Exemplare ihres Buches „Haltung zeigen!“ verkauft hat. Darin geht es unter anderem um Charakterstärke, Gewissen und Verbindlichkeit in der seriösen Medienwelt.
Sich gemein machen mit einer guten Sache
Aber nun gibt es andererseits auch den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis speziell für Fernsehjournalismus. Und die dahinterstehende Initiative wird nicht müde, mit einem verfälschten und nicht nur deshalb in die Irre führenden Friedrichs-Zitat zu werben: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“
Und genau diesen Preis konnte Anja Reschke 2018, ein Jahr vor dem Siebenpfeiffer-Preis entgegennehmen. Bei der Gala zur Verleihung sagte sie dann: „Ich denke, wir müssen uns gemein machen mit einer Sache. Und zwar mit einer guten. Unserer Verfassung. Wir, die Presse, die öffentlich-rechtlichen Sender im Besonderen, haben einen Auftrag bekommen von den Alliierten, nach dem Krieg: Teilhabe an der freien demokratischen Meinungsbildung zu gewährleisten. Mündige Bürger! Deutschland zu einem demokratischen Land zu machen und diese Demokratie zu bewahren.“
Gut gebrüllt, Löwin – und da sind wir ganz nah an Siebenpfeiffer, von dem folgender Satz stammen dürfte: „Die öffentliche Freiheit findet ihre Garantie nur in der Freiheit der Presse, die Freiheit der Presse nur in der der Journale, die Freiheit der Journale nur in dem persönlichen Muthe und der Hingebung der Journalisten.“ So steht es jedenfalls im Gründungsaufruf zur ersten deutschen Journalistengewerkschaft. Siebenpfeiffer war vielleicht ein Musterbeispiel für einen Haltungsjournalismus, ohne den es später das Paulskirchenparlament nicht gegeben hätte.
Aus der Sicht der Orthopäden
Dann gibt es noch einmal andererseits aber auch jemanden, der dieser Art von Publizistik mit Ironie, wenn nicht Häme begegnet. Er hält einen Satz für schlau, den er gern in der Öffentlichkeit wiederholt. Frank Plasberg heißt der Mann, und der Satz geht so: „Haltung ist etwas für die Orthopäden“. Will heißen: Haltung ist nichts für Journalisten. Diese Ansicht vertrat er schon 2023 in einem Vortrag (später als Gastbeitrag in der Süddeutschen abgedruckt), mit dem er ein paar halblaute Diskussionen auslöste.
Es lohnt sich, etwas näher heranzuzoomen. Was hat Plasberg tatsächlich gemeint? Er diagnostiziert ein schädliches Harmoniebedürfnis unter Journalisten – „bei fast allen Medien“, wie er schreibt. Der „Wunsch, zu den Aufrechten zu gehören, zu denen, die unsere moralischen Werte hochhalten“ hält er aber eigenartigerweise für fehl am Platz. In der Neigung, „von Anfang an sozial Erwünschtes zu formulieren“, Zweifel auszublenden, wittert er Ungemach: „Haltung ersetzt keine Recherche.“ Wer wollte das nicht unterschreiben? Es ist ein trivialer Satz, als Maxime kaum geeignet.
Und so geht‘s bei ihm weiter: „Tut mir leid, ich finde, ‚Haltung‘ ist mittlerweile ein Begriff, der in die Orthopädie gehört. Haltung zeigen, das ist für mich ein Platzhalter geworden, um die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus aufzuweichen. Für den Journalismus wie für jeden anderen Beruf mit gesellschaftlicher Wirkung sollte es doch reichen, statt Haltung Anstand zu zeigen.“
Hier geht es jetzt plötzlich nicht mehr um eine quasi-hoheitliche Mission der Medien, sondern nur noch um eine Berufsauffassung. Wenn Anstand besser ist als Haltung, dann variieren wir doch einmal Plasbergs Satz: „Anstand ersetzt keine Recherche.“ Wer wollte nicht auch das unterschreiben? Wir sind wieder am Anfang.
Aus der Sicht der Orthopäden hat Haltung etwas mit dem Rückgrat zu tun. Sollten die gefühlten Wächter in Republiken nicht genau damit ausgestattet sein? Nur eine Metapher für ein Körperteil – aber es ist die Metapher, die Plasberg in voller Absicht verwendet, um einen Effekt zu erzeugen. Zweideutigkeit nimmt er in Kauf. Die columna vertebralis jedenfalls garantiert immerhin Standhaftigkeit und Aufrichtigkeit, um auf dem Feld der Sprachbilder zu bleiben…
Die Verfassung ist eine Wahrheit - folglich ist die Presse vollkommen frei! (La Caricature Nr. 56, 24.11.1831), Lithographie, 1831. (© Foto: gemeinfrei, Public Domain Mark 1.0)
Falsche Gleichwertigkeit schafft Probleme
Ausdrücklich und mit Ausrufezeichen wünscht Plasberg sich Medienvertreter, die „sagen, was ist, nicht, was sein sollte“. Dahinter steht die Annahme, dass es so etwas wie Neutralität oder Objektivität tatsächlich gibt. Beide sind aber so leicht nicht zu haben. Man könnte mit Kant sagen: „Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.“
Plasberg findet, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in letzter Zeit gesellschaftliche Minderheiten „teils zu sehr in den Fokus der Berichterstattung gerückt“ habe. Dies sei falsch, man habe immer kleineren Gruppen große Aufmerksamkeit geschenkt und ihnen die Deutungshoheit überlassen. Hier hat er zweifellos einen Punkt. So sollte es nicht laufen. Wobei das quantitative Argument nicht automatisch zieht, weil viele Themen dann für immer unter den Tisch fallen würden.
„Neutralität wird dann zum Problem, wenn sie falsche Ausgewogenheit fördert: zwei Positionen als gleichwertig einstuft und darstellt, obwohl sie das nicht sind. Der Anspruch auf absolute Neutralität hievt zudem Journalistinnen auf eine Bühne, die befreit ist von Meinung und Ideologie. Der Journalist sagt dem Medienkonsumenten: Ich habe keine Agenda, ich sage dir nur, wie es ist – und du musst mir glauben, denn das, was ich sage, ist Fakt. Die Menschen trauen diesem Konzept nicht mehr.“ Das ist ein schwer zu widerlegender Befund von Jay Rosen, Professor für Journalismus an der New York University.
Über die falsche Gleichwertigkeit, Äquidistanz genannt, wird auch beim Deutschen Journalisten-Verband diskutiert. Dort heißt es dann: „Die Journalistinnen und Journalisten, die hören und sehen, recherchieren, urteilen und schreiben, sind Menschen in all ihren gesellschaftlichen, sozialen und persönlichen Bedingtheiten. Objektivität als Maßstab der Arbeit kann deshalb kein naturwissenschaftlich exakter Begriff sein. Aber diesen Begriff in einer erkenntnistheoretischen Diskussion völlig aufzulösen, hieße, zu jeder Verfälschung, Lüge und Manipulation einzuladen.“
Der Plasbergsche Anstand könnte genau darin bestehen, dies einzugestehen und bei der eigenen Arbeit mitzudenken. Das wiederum ist eine Frage der Haltung und gehört folglich zum Journalisten. Der Orthopäden-Gag hat sich hier schon totgelaufen.
JD Vance und die Meinungsfreiheit
Konsequenz aus der Einsicht in die false balance: Medien sollten erkennbare Lügen nicht auf dem gleichen Niveau ansiedeln wie seriöse Aussagen. Medien sollten nicht „aus Anstand“ Laien wie Profis behandeln, nicht einer Minipartei wie dem BSW den gleichen Raum zugestehen wie den großen Parteien CDU und SPD, die 500-mal mehr Mitglieder haben. Medien sollten nicht Chemtrail-Theoretikern das gleiche Gewicht geben wie Naturwissenschaftlern. Medien sollten nicht Rassisten und Päderasten aus Gründen der Neutralität in Talkshows einladen.
Vor dieser Kulisse interessant: „Tichys Einblick“, ein extrem parteiisches Magazin-Produkt ohne Anstand, setzt sich für Neutralität ein, was ungefähr so passend ist wie der Einsatz von JD Vance für die Meinungsfreiheit.
Hier könnte man von Gesinnungsjournalismus reden. Der ist nicht per se ein Problem, es kommt dabei auf die Zwecke an. Wir sind wieder in der Frühzeit der deutschen Demokratie angelangt. Es waren Journalisten wie Siebenpfeiffer, die von Homburg und Zweibrücken aus gegen Autokraten anschrieben. Sie forderten auf dem Hambacher Fest Pressefreiheit, aber keine Neutralität. Hätte Siebenpfeiffer gerufen, dass König und Zensur ja doch auch gute Argumente haben könnten, hätte er einpacken können, und der Liberalismus hätte in Deutschland noch einmal wesentlich länger gebraucht.
In den Öffentlich-rechtlichen sollte dieser Gesinnungsjournalismus allerdings im Zaum gehalten werden. Wer sich politisch positioniert, müsste es jedenfalls auch immer dazusagen. Und die innere Pressefreiheit der Redaktionen sollte auch einigermaßen gewährleistet sein.
Gesinnungsjournalismus ist eine Spielart des Haltungsjournalismus. Manche sagen: „Der Haltungsjournalismus ist ein permanenter Angriff auf journalistische Prinzipien.“ So etwas wird ja Hajo Friedrichs angedichtet. Redet er aber tatsächlich einer Spezies das Wort, die eben kein Rückgrat hat, die das Schlechte genauso behandelt wie das Gute? Obwohl der Satz auch von den Stiftern des Ehrenpreises zitiert wird, ist er für den Namensgeber eher eine Zumutung, weil er nicht ganz authentisch ist und außerdem fast zwangsläufig auf falsche Fährten lockt.
Und was meinte Hajo Friedrichs wirklich?
Warum? Weil Friedrichs sich als Journalist dankenswerterweise sehr wohl mit guten Sachen gemein gemacht hat. Zum Beispiel mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit, mit sozialer Gerechtigkeit, dem Kampf gegen Diktaturen. Was er wohl sagen wollte, war: Man sollte, wenn ich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Moderator auftrete, meine Haltung nicht wahrnehmen können.
Auch daran hat er sich zwar nicht immer gehalten, aber es waren durchweg „gute Sachen“. Insofern ist es nicht sehr klug, einen Preis für Qualitätsjournalismus mit einem Zitat in Zusammenhang zu bringen, das mindestens zwei Missverständnisse zulässt oder provoziert.
Medien kuratieren Nachrichten, das geht nicht anders. Man muss es deshalb so klar sagen: Propaganda-Publikationen wie Nius sind durchaus auch Journalismus, so weh das tut. In diesem Fall trauen sich die Jünger von Julian Reichelt sogar, ihren demagogischen Gedanken in den Untertitel zu schreiben: „Die Stimme der Mehrheit“. Nius ist Gesinnungsjournalismus mit bösen Absichten, von Philipp Jakob Siebenpfeiffer Lichtjahre entfernt.
Die Causa von der Tann
2025 ging der Friedrichs-Preis an Sophie von der Tann, die Nahostkorrespondentin der ARD. In Tel Aviv und Deutschland bekamen da einige direkt Puls, weil sie mit ihrer Berichterstattung über den Gaza-Konflikt eben gerade ein Beispiel dafür liefere, dass sich jemand journalistisch mit einer Sache gemein mache. In diesem Fall geht es – vordergründig – um die Sache der Palästinenser, in einem tieferen Sinn aber um die gute Sache des Völkerrechts.
Scharfer Protest aus Israel, das übrigens in der Rangliste der Pressefreiheit Platz 112 von 180 belegt. Und: „Ist die ARD die Pressestelle der Hamas?“ – so stand es auch auf Plakaten, die bei einer Protestaktion in Köln gehisst wurden. Tenor: Aktivismus statt Journalismus gehe gar nicht, dürfe deshalb niemals ausgezeichnet werden.
Der Vorwurf der Einseitigkeit und der Vereinnahmung treffe sie hart, erwiderte die Preisträgerin. Sie versuche durch ihre Arbeit doch gerade „zwischen Empathie und Distanz“ die Balance herzustellen. Klar: Man dürfe sich nicht vereinnahmen lassen, müsse aber alle Seiten kritisch einordnen.
WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn stärkte ihr den Rücken. Für ihn liegt auf der Hand: Journalisten können, dürfen und sollen sogar Haltung zeigen. Er empfinde die Kritik an Kollegin von der Tann als maßlos, gab er zu Protokoll: „Die Kritik ist unsachlich, sie hat auch keine Belege.“ Wer auf diese Weise Kritik übe, wolle einschüchtern und versuche, den notwendigen journalistischen Freiraum einzuschränken. „Das lassen wir uns nicht gefallen“, so Schönenborn.
Und das würde sicherlich auch Hajo Friedrichs gerne unterschreiben.
Wolfgang Kerkhoff war Zeitungs- und Onlineredakteur, hat lange als Texter und Pressesprecher für die saarländische Landesregierung gearbeitet. Als freier Autor widmet er sich historischen und kulturellen Themen. Er betreibt den Blog „MenschenWelt“ www.menschenwelt.info. Wolfgang Kerkhoff: „Demokratisch bis zum Anschlag. Stürmische Jahre der Saarpfalz“, Conte Verlag St. Ingbert, 2025. Mit einer Einführung von Jörg Bong (aka Jean-Luc Bannalec) und Illustrationen von Volker Schmidt-Gliaugir.
Weitere Publikationen von Wolfgang Kerkhoff:
- „Über Nachhaltigkeit reden: Grenzen des politischen Marketings“ in: „Als gäbe es ein Morgen – Nachhaltigkeit sollen, wollen, können“ – herausgegeben von Alfons Matheis und Clemens Schwender, Metropolis-Verlag Marburg, 2021
- „Der Tag im März. Protokoll einer ungewöhnlichen Quarantäne“, Kindle-eBook Download, 2020
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