Leipziger Erinnerungsorte

Ines Kaps // November 2024

Künstlerhaus und Märchenhaus

Künstlerhaus Leipzig (© Kulturstiftung Leipzig, mit freundlicher Genehmigung der Stiftung)

Beim schwersten Luftangriff auf Leipzig im Dezember 1943 wurden zehntausende Häuser zerstört, darunter zahlreiche Prachtbauten der Innenstadt, wie das berühmte Gewandhaus, Theater, Messehäuser, Bildermuseum, und ebenso zwei besonders imposante Jugendstilbauten, das Künstlerhaus und das sogenannte Märchenhaus. Nach dem Krieg brach eine andere Zeit an, und mit den Trümmern verschwand allmählich auch die Erinnerung an die hier einst so lebendige Künstlerszene. 2013, zum 60. Jahrestag des Bombardements, ein Zeichen der Erinnerung: Das Kalksteinportal, einzig erhaltenes Relikt des Gebäudes, wird dank finanziellem Bürgerengagement saniert.

„Künstlerhaus“- Schriftzug, Erläuterungstafeln und abendliche Beleuchtung lassen Passanten nun wieder innehalten, auch um einen interessierten Blick auf einen mächtigen Travertinstein zu werfen, der an drei im Ersten Weltkrieg gefallene Leipziger Künstler erinnert. 2016 erscheint unter dem Titel „Vergessene Avantgarde – Das Künstlerhaus am Nikischplatz“ eine Sonderedition der Leipziger Blätter, der es in Symbiose mit einer parallel laufenden Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum gelingt, die Geschichte des ersten Leipziger Künstlervereins, den Bau des Künstlerhauses und die Künstlergeneration um 1900 lebendig werden zu lassen:

Der 1858 gegründete Leipziger Künstlerverein hatte im Jahr 1900 seinen lang gehegten Wunsch verwirklicht und sich eine “eigene Heimstatt“ errichtet. Der Erwerb des Grundstücks war nicht unumstritten, galt es doch vielen als nicht bebaubar, und kritische Stimmen sprachen von einer “von anderen Baulichkeiten eingeengten Mausefalle“. Zudem war ein zwischen zwei Straßen verlaufender, öffentlicher Durchgang weiterhin zu gewährleisten. Trotz aller Probleme und Bedenken gelang dem Architekten Fritz Drechsler 1899 mit seinem “Frühling“ genannten Entwurf ein großer Wurf. In enormem Tempo wurde er realisiert, und bereits Ende Oktober 1900 konnte die glamouröse Einweihung des Künstlerhauses erfolgen.

Der Bau des Hauses war von großer Begeisterung der Künstler getragen, “ihr Heim“ zu einem Gesamtkunstwerk zu gestalten. An der plastischen und malerischen Ausstattung beteiligten sich wohl zwanzig namhafte Leipziger Künstler. Die Fassade mit farbigen Reliefs, mit Rankenwerk in farbiger Majolika und roten Biberschwänzen und gleichermaßen die hofseitige Gestaltung des Gebäudes müssen eine Augenweide gewesen sein. Ebenso finden sich überschwängliche Schilderungen der Innengestaltung, der Ausschmückung verschiedener Säle, der Vereins- und Klubräume, der Bibliothek, des Restaurants im nordischen Stil, der Künstlerkneipe. Differenzierter sind die Meinungen über die eigenwilligen Beleuchtungskörper. Kritisch - amüsiert das Urteil der Malerin Philippine Wolff-Arndt: “Der Jugendstil in seiner Blüte hatte dort Orgien gefeiert. Der ganze Plafond war bedeckt . . .von völlig wild gewordenen verschlungenen Linien, vielmehr dünnen Streifen… aussehend wie Blech. Ich sah es mit Erstaunen und mit Grauen.“

Künstlerhaus Leipzig Hofansicht ca. 1905

Einen besonderen Blickfang bot ein Bronzerelief von Carl Seffner am Eingangsportal. Es zeigt Adam – mit den Zügen Max Klingers - mit Eva am Baum der Erkenntnis. Auch die den Innenhof flankierende Kegelbahn ist eine Erwähnung wert. Hier traf sich über viele Jahre die “Freitagskegelei“, ein renommierter Freundeskreis um Max Klinger, vertraute Runde von Künstlerkollegen, Architekten, Musikern, Gelehrten.

Künstlerhaus Leipzig: Bronzerelief „Adam und Eva“ von Carl Seffner am Hofeingang

In einer Vielzahl Ateliers und Wohnungen arbeiteten und lebten im Laufe von vier Jahrzehnten über fünfzig Bildhauer und Maler, deren Namen uns noch heute die historischen Adressbücher verraten. Die illustre Künstlerschar gab mit weiteren Mietern, Vereinen, Logen und Geschäftsniederlassungen dem Künstlerhaus ein einzigartiges Gepräge. Zudem machten Ausstellungen, rauschende Künstlerfeste und aufregend ausgestattete Kostümbälle über Leipzig hinaus von sich reden.

Mit dem Bau des Hauses hatte sich für den Künstlerverein der Traum vom gemeinsamen Arbeiten, Leben und Feiern erfüllt. Nach wenigen Jahren war man jedoch in den Niederungen des Alltags angekommen; die Baupolizei wurde zum ständigen Gast, verhängte Auflagen zu Brandschutz und Sanitäranlagen, denen mangels genügender Einnahmen und nur spärlicher finanzieller Hilfen oft nicht nachgekommen werden konnte. Die Lage wurde immer schwieriger und verdüsterte sich durch den Ersten Weltkrieg weiter. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, steuerte der Verein allmählich auf sein Ende zu. In den Kriegsjahren erfolgte die Liquidation.

Künstlerhaus Leipzig 1946

Die bei der Zerstörung noch im Haus lebenden Künstler verlieren alles, Wohnung, Atelier und ihre künstlerischen Arbeiten. Erst 1951 werden die Trümmer endgültig beräumt, da ist nichts Erhaltenswertes mehr zu entdecken, und in keinem Leipziger Museum oder Archiv finden sich Exponate, die an den einstigen Prachtbau erinnern. Lediglich einige farbig glasierte Steinbrocken, die bei der Sanierung des Nachbargebäudes an den Tag kamen, lassen mit viel Fantasie die Farbenpracht des Künstlerhauses erahnen.

Märchenhaus Leipzig. Nikischplatz am Künstlerhaus

Dem Künstlerhaus gegenüber stand das so genannte Märchenhaus, Hauptwerk des Leipziger Architekten Raymund Brachmann. 1906/1907 erbaut, war es gleichermaßen ein Prachtbau, der die Blicke auf sich zog. Über einem hohen Sockel aus Rochlitzer Porphyr verlief ein breites farbiges Klinkerband, Balkone und Austritte zeigten sich mit vergoldeten Kunstschmiedegittern. Das Auffallendste aber waren überwiegend blau-grün gehaltene, glasierte Terrakotten, die vom Bildhauer Johannes Hartmann stammten. Der Maler Gustav Wustmann jun. sprach von einem interessanten Versuch “… für ein Privatmietshaus rein malerische Mittel für den künstlerischen Ausdruck heranzuziehen …“

Die bildlichen Darstellungen führten im Volksmund sehr schnell zur Bezeichnung “Märchenhaus“, was selbst im Adressbuch Niederschlag fand.“Aber so lang man auch die Hälse reckte“ - so ein Zeitzeuge – “es wollte nicht gelingen, auch nur eine Märchengestalt in einem der deutschen Märchen unterzubringen.“ Die Reliefs zeigten vielmehr bekannte Persönlichkeiten und Begebenheiten Leipzigs. Auch die berühmten Mitglieder der “Freitagskegelei“ waren zu entdecken.

Eckerker des Märchenhauses am Nikischplatz in Leipzig Nikischplatz am Künstlerhaus, ca. 1915

In den oberen Geschossen hatten einst so bekannte Maler wie Paul Horst-Schulze, Rüdiger Berlit und Eduard Einschlag ihre Ateliers. An die Ermordung des letzteren erinnert heute vor dem Haus ein Stolperstein. Der bedeutendste Bewohner des Märchenhauses war jedoch Arthur Nikisch, der berühmte Dirigent, zu dessen Ehren noch in seinem Todesjahr 1922 der bisherige Platz am Künstlerhaus in Nikischplatz umbenannt wurde.

Arthur Nikisch in seiner Wohnung, ca. 1915

Auch dem Märchenhaus blieb eine Instandsetzung versagt, um die Raymund Brachmann, Architekt und Eigentümer des Hauses, bis Ende 1950 bei der Stadtverwaltung kämpfte. In einem seiner Anträge argumentiert er mit Bezug auf die prächtigen farbigen Keramikplatten, “dass diese infolge ihres Härtegrades den Brand des Gebäudes fast vollständig und unbeschädigt überdauert haben, so dass auch heute noch die Ruine einen imposanten Eindruck macht. Ein bedenkenloser Abbruch würde die Stadt um ein kulturhistorisches Zeugnis ihrer Geschichte bringen…“ Eine Zustimmung zur Erhaltung wurde jedoch nicht erteilt.

Heute steht an gleicher Stelle ein recht gesichtsloser Plattenbau. Ein Gedenkstein am Eingang erinnert an den berühmtesten Mieter des Vorgängergebäudes - Arthur Nikisch.

Nachfolgebau des Märchenhauses 2020

Überarbeitete Fassung eines Artikels in „Jahresberichte 2010 - 2015“ des Neuen Leipziger Kunstvereins - mit freundlicher Genehmigung des Leipziger Kunstvereins (leipziger-kunstverein.de).


Ines Kaps

Die Autorin Ines Kaps, geborene Leipzigerin, wohnt seit Jahrzehnten am Nikischplatz und beschäftigt sich als interessierte Laiin seit langem privat mit der Geschichte des Platzes und den Biografien der hier einst ansässigen Künstler.

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