Leipziger Erinnerungsorte
Ines Kaps // November 2024
Künstlerhaus Leipzig, ca. 1905 (© gemeinfrei, wikipedia.org)
Beim schwersten Luftangriff auf Leipzig im Dezember 1943 wurden zehntausende Häuser zerstört, darunter zahlreiche Prachtbauten der Innenstadt, wie das berühmte Gewandhaus, Theater, Messehäuser, Bildermuseum, und ebenso zwei besonders imposante Jugendstilbauten, das Künstlerhaus und das sogenannte Märchenhaus. Nach dem Krieg brach eine andere Zeit an, und mit den Trümmern verschwand allmählich auch die Erinnerung an die hier einst so lebendige Künstlerszene. 2013, zum 60. Jahrestag des Bombardements, ein Zeichen der Erinnerung: Das Kalksteinportal, einzig erhaltenes Relikt des Gebäudes, wird dank finanziellem Bürgerengagement saniert.
„Künstlerhaus“- Schriftzug, Erläuterungstafeln und abendliche Beleuchtung lassen Passanten nun wieder innehalten, auch um einen interessierten Blick auf einen mächtigen Travertinstein zu werfen, der an drei im Ersten Weltkrieg gefallene Leipziger Künstler erinnert. 2016 erscheint unter dem Titel „Vergessene Avantgarde – Das Künstlerhaus am Nikischplatz“ eine Sonderedition der Leipziger Blätter, der es in Symbiose mit einer parallel laufenden Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum gelingt, die Geschichte des ersten Leipziger Künstlervereins, den Bau des Künstlerhauses und die Künstlergeneration um 1900 lebendig werden zu lassen:
Der 1858 gegründete Leipziger Künstlerverein hatte im Jahr 1900 seinen lang gehegten Wunsch verwirklicht und sich eine “eigene Heimstatt“ errichtet. Der Erwerb des Grundstücks war nicht unumstritten, galt es doch vielen als nicht bebaubar, und kritische Stimmen sprachen von einer “von anderen Baulichkeiten eingeengten Mausefalle“. Zudem war ein zwischen zwei Straßen verlaufender, öffentlicher Durchgang weiterhin zu gewährleisten. Trotz aller Probleme und Bedenken gelang dem Architekten Fritz Drechsler 1899 mit seinem “Frühling“ genannten Entwurf ein großer Wurf. In enormem Tempo wurde er realisiert, und bereits Ende Oktober 1900 konnte die glamouröse Einweihung des Künstlerhauses erfolgen.
Der Bau des Hauses war von großer Begeisterung der Künstler getragen, “ihr Heim“ zu einem Gesamtkunstwerk zu gestalten. An der plastischen und malerischen Ausstattung beteiligten sich wohl zwanzig namhafte Leipziger Künstler. Die Fassade mit farbigen Reliefs, mit Rankenwerk in farbiger Majolika und roten Biberschwänzen und gleichermaßen die hofseitige Gestaltung des Gebäudes müssen eine Augenweide gewesen sein. Ebenso finden sich überschwängliche Schilderungen der Innengestaltung, der Ausschmückung verschiedener Säle, der Vereins- und Klubräume, der Bibliothek, des Restaurants im nordischen Stil, der Künstlerkneipe. Differenzierter sind die Meinungen über die eigenwilligen Beleuchtungskörper. Kritisch - amüsiert das Urteil der Malerin Philippine Wolff-Arndt: “Der Jugendstil in seiner Blüte hatte dort Orgien gefeiert. Der ganze Plafond war bedeckt . . .von völlig wild gewordenen verschlungenen Linien, vielmehr dünnen Streifen… aussehend wie Blech. Ich sah es mit Erstaunen und mit Grauen.“
Künstlerhaus Leipzig Hofansicht ca. 1905 (Wolfgang Hocquél: Leipzig – Baumeister und Bauten. Von der Romanik bis zur Gegenwart. Tourist-Verlag © gemeinfrei, wikipedia.org)
Einen besonderen Blickfang bot ein Bronzerelief von Carl Seffner am Eingangsportal. Es zeigt Adam – mit den Zügen Max Klingers - mit Eva am Baum der Erkenntnis. Auch die den Innenhof flankierende Kegelbahn ist eine Erwähnung wert. Hier traf sich über viele Jahre die “Freitagskegelei“, ein renommierter Freundeskreis um Max Klinger, vertraute Runde von Künstlerkollegen, Architekten, Musikern, Gelehrten.
Künstlerhaus Leipzig: Bronzerelief „Adam und Eva“ von Carl Seffner am Hofeingang um ca. 1910 (© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig gemeinfrei, wikipedia.org)
In einer Vielzahl Ateliers und Wohnungen arbeiteten und lebten im Laufe von vier Jahrzehnten über fünfzig Bildhauer und Maler, deren Namen uns noch heute die historischen Adressbücher verraten. Die illustre Künstlerschar gab mit weiteren Mietern, Vereinen, Logen und Geschäftsniederlassungen dem Künstlerhaus ein einzigartiges Gepräge. Zudem machten Ausstellungen, rauschende Künstlerfeste und aufregend ausgestattete Kostümbälle über Leipzig hinaus von sich reden.
Mit dem Bau des Hauses hatte sich für den Künstlerverein der Traum vom gemeinsamen Arbeiten, Leben und Feiern erfüllt. Nach wenigen Jahren war man jedoch in den Niederungen des Alltags angekommen; die Baupolizei wurde zum ständigen Gast, verhängte Auflagen zu Brandschutz und Sanitäranlagen, denen mangels genügender Einnahmen und nur spärlicher finanzieller Hilfen oft nicht nachgekommen werden konnte. Die Lage wurde immer schwieriger und verdüsterte sich durch den Ersten Weltkrieg weiter. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, steuerte der Verein allmählich auf sein Ende zu. In den Kriegsjahren erfolgte die Liquidation.
© SGM Leipzig/Johannes Widmann, Inv.-Nr. W 8464
Die bei der Zerstörung noch im Haus lebenden Künstler verlieren alles, Wohnung, Atelier und ihre künstlerischen Arbeiten. Erst 1951 werden die Trümmer endgültig beräumt, da ist nichts Erhaltenswertes mehr zu entdecken, und in keinem Leipziger Museum oder Archiv finden sich Exponate, die an den einstigen Prachtbau erinnern. Lediglich einige farbig glasierte Steinbrocken, die bei der Sanierung des Nachbargebäudes an den Tag kamen, lassen mit viel Fantasie die Farbenpracht des Künstlerhauses erahnen.

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