Lichtgestalten

Peter Winterhoff-Spurk // Dezember 2022

Warum wir sie brauchen und warum sie gefährlich sind.

Bildmontage: Mutter Teresa 1986, Helene Fischer 2011, Nelson Mandela 2008

Mutter Teresa, Helene Fischer, Nelson Mandela

Jeder kennt sie, jeder braucht sie und jeder hat sie: Menschen, denen in hohem Maße und oft ausschließlich, mindestens aber überwiegend positive Charaktereigenschaften zugeschrieben werden.

Herausragende Beispiele sind etwa Mutter Teresa, Albert Schweitzer, Martin Luther King. Weniger religiös, aber mehr bewundert: Die Showstars. Helene Fischer mit 130.000 Bewunderern bei ihrem Live-Auftritt in München, Sir James Paul McCartney, seit 1957 im Musikgeschäft, vielfacher Ehrendoktor und Offizier der französischen Ehrenlegion, Christiano Ronaldo, mehrfach Fußballer des Jahres in England, Italien, Portugal, Spanien, FIFA-Weltfußballer des Jahres, Teil der Siegermannschaften mehrerer internationaler und nationaler Meisterschaften und – weniger bekannt – Kommandeur des portugiesischen Ordem do Mérito. Oder in der Politik: Willy Brandt, Begründer der neuen Ostpolitik, Ehrendoktor der Universitäten Oxford, Yale und Strasbourg, Friedensnobelpreisträger 1971; Nelson Mandela, ausgezeichnet mit 50 Ehrendoktorwürden und fast 50 Orden und Ehrungen, vom Internationalen Lenin-Friedenspreis der UdSSR 1990 bis zum Friedensnobelpreis 1991; Michail Gorbatschow, Träger unzähliger Auszeichnungen auch er Träger des Friedensnobelpreises 1990.

Und schließlich – nur was die öffentliche Sichtbarkeit angeht – die kleineren Kaliber: Eltern, Lehrer, Freunde, Trainer. ‚Ganz egal wie cool Dein Papa ist, meiner ist Feuerwehrmann‘ steht auf einem im Handel erhältlichen Baby-T-Shirt. Und die weibliche Variante, vom gleichen Hersteller: ‘ … meine ist Ärztin‘!

Titelvignette Vater und Sohn – 50 lustige Streiche und Abenteuer, Berlin: Ullstein Verlag, 1935

Warum wir sie brauchen.

Die Drosophila melanogaster – eine Taufliege - ist erwachsen, sobald sie die Puppe verlassen hat. Der homo sapiens braucht 18 Jahre bis er ein eigenständiges Leben führen darf. Bis dahin hat er vielerlei Aufgaben zu bestehen und Ängste auszuhalten. Zunächst sind es körperlicher Nähe, Sicherheit, Geborgenheit und Nahrung, mit denen ihn verlässliche Bezugspersonen versorgen. Später kommen anspruchsvollere Aufgaben: Die Bildung einer eigenen Identität, also das Bild, das der Mensch von sich selbst hat, das Realbild. Antwort auf die Frage „Wie bin ich?“: Gefühle und Gedanken über das Körperbild, die Selbsteinschätzung der eigenen Persönlichkeit und seine sozialen Bindungen. Zur persönlichen Identität gehört aber auch eine Idee davon, wie ich sein möchte – das Idealbild. Beides entwickelt sich langsam. Mit zunehmendem Lebensalter wird es differenzierter, realistischer und stabiler. Zunächst sind es die genannten Menschen des unmittelbaren Umfelds, die als Vorbilder dienen. Aber irgendwann sind die Eltern nur noch ‚voll peinlich‘, dann übernehmen – oft nur zeitweise - andere, meistens mediale Figuren deren Funktionen. Gelungene Identitätsbildung schließlich vermittelt ein Gefühl der Zugehörigkeit und Verwurzelung, der Selbstachtung und der Zielstrebigkeit: Ich bin was, ich kann was, ich werde was.

Ein in diesem Zusammenhang besonders wichtiges Persönlichkeitsmerkmal ist die sog. Selbstwirksamkeit. Menschen haben Annahmen darüber, ob und wie sehr sie selbst die Schmiede ihres Glücks sind, ihr Leben also selbst kontrollieren können. Die entsprechenden Erwartungen können internal oder external ausgerichtet sein. Internale Kontrollüberzeugungen bedeuten: Ich meine, dass mein Leben weitgehend von meinen eigenen Handlungen und Entscheidungen abhängt. Menschen mit externalen Kontrollüberzeugungen hingegen glauben, dass sie im wesentlichen von den Entscheidungen anderer oder vom Schicksal abhängig sind. Fehlt ein stabiles Selbstbild, fehlen internale Kontrollüberzeugungen, kommen die Ängste: Ich bin nichts, ich kann nichts, ich werde nichts. Dann braucht es psychologische Hilfsmaßnahmen.

Make America Safe Again. Trump Unterstützer Fred Shinn and Terrie Frankel

Warum sie gefährlich sind.

Eine Zeit lang kann man existentielle Ängste durch das Schwärmen für Lichtgestalten beruhigen. Im politischen Bereich war in den letzten Jahren Donald Trump ein (nach wie vor bedrohliches) Beispiel dafür. ‚Make America great again‘ ist ein unglaublich erfolgreicher Slogan für das Lebensgefühl verunsicherter Amerikaner. Wenn gar nichts mehr geht, bin ich immer noch Amerikaner. Rechtspopulistische Einstellungsmuster hängen (nach deutschen Untersuchungen) mit einem ausgeprägten Gefühl politischer Einflusslosigkeit, mit geringem Selbstwertgefühl, höherer Depressivität und Ängstlichkeit sowie mit dem Gefühl sozialer und ökonomischer Benachteiligung zusammen.

Und meine Handlungsfähigkeit erhalte ich scheinbar zurück, indem ich die Schuldigen an meiner Misere – Demokraten, Intellektuelle, Abgeordnete – attackiere. ‚Scapegoating‘ (Sündenböcke finden) nennt das die Sozialpsychologie. Wenn dann noch identitätsstiftende Merkmale – Mützen, Sticker, Aufkleber - hinzukommen, der Mensch sich also als Teil einer mächtigen Gruppe fühlt, lässt sich seine zerbrechliche Identität eine Weile stabilisieren. Wenn diese ‚Lichtgestalt‘ ihre Anhänger in die Irre führt, wird es gefährlich.

Sturm auf das Kapitol in Washington 2021

Dieser psychologische Mechanismus macht es so schwierig, mit Trumpisten und ähnlichen gesellschaftlichen Gruppen anderswo auf rationaler Basis zu diskutieren, Einstellungen womöglich auch zu verändern. Die zugrunde liegenden Ängste sind das Problem. Die Identifikation mit Lichtgestalten ist Angstabwehr. Gebe ich sie auf, verliere ich den Boden unter den Füßen.

Anmerkung des Verlags: Der Text ist erschienen in der Zeitschrift OPUS Kulturmagazin 06, 2022 – mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers, Dr. Kurt Bohr.

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