Mit dieser Liebeserklärung beginnt die Freundschaft zwischen Eduard Mörike und Johann Christoph Blumhardt. Für heutige Ohren klingen diese Worte so überschwänglich, dass sich die Assoziation „Homoerotik“ aufdrängt. Allerdings war es im Zeitalter der Romantik, also vor rund 200 Jahren, nicht ungewöhnlich, dass auch Männer ihren Gefühlen – und gerade verbal – freien Lauf lassen durften.
Zwei ungleiche und doch irgendwie verwandte Brüder treffen als Theologiestudenten im WS 1825/26 aufeinander: Der 21jährige Eduard, aus dem schwäbischen Großbürgertum entstammend, seit seinem 13. Lebensjahr Halbwaise, weshalb er das Stipendium im Ev.-theol. Seminar Urach erhielt, eine der Klosterschulen, die seit Luthers Reformation für den geistlichen Nachwuchs in Württemberg sorgten (vergleichbar mit den sächsischen Fürstenschulen in Grimma, Meißen und Naumburg). Diese Schullaufbahn eröffnete dem Sohn einer mittellosen Mutter den Weg zum Studium, allerdings ausschließlich zum Theologiestudium.
Dann, ein Jahr jünger als Eduard, Johann Christoph Blumhardt, aus Stuttgarter Handwerkerkreisen stammend, auch sein Vater früh verstorben (1822, JC war 17 Jahre alt), auch er Seminarist, allerdings nicht in Urach wie Mörike, sondern im Kloster Schöntal. Als Sohn eines Handwerkers war er auf dieses Stipendium angewiesen, das begabten Landeskindern Abitur und das Studium der evangelischen Theologie ermöglichte.
18-jährig kommt Mörike 1822 zum Studium der Theologie nach Tübingen ins Evangelische Stift, zusammen mit seiner Uracher Promotion an die 40 junge Männer.
Blumhardt stößt zwei Jahre später dazu, ein Jahr jünger als Eduard und kommt in dieselbe Stube im Stift. Sein Name fehlt weitgehend in der Mörike-Forschung! Obwohl er eine zweijährige, intensive Studentenfreundschaft mit Mörike pflegte, die in 45 Briefen von ihm dokumentiert ist. Von Mörike liegt leider nur ein Originalbrief vor. Allerdings zusätzlich ein bislang weitgehend unbekanntes Gedicht mit dem Titel „Herzle!“.
Das hierbei anklingende Thema Nr. 1, nämlich die erotischen Liebes-Erfahrungen, wird weiter nicht angesprochen. Von Blumhardt lesen wir, dass ihm solches auch sehr fernsteht. So berichtet er seinem Vertrauten Mörike von einem Gespräch mit einem anderen Kommilitonen namens Nast, der ihn mit seinem Liebesfeuer traktierte: „Er erzählte mir nun einen Kuss um den andern, zeigte mir einen Brief um den andern, erklärte mir die ganze Idyllenwelt, die er mit ihr durchlebt habe, und ich saß da stockdumm; und hätte mir nicht die Pfeife, … einige Beschäftigung gegeben … ich hätte vergehen müssen.“
Und Blumhardt kommentiert diese freimütigen Liebeshymnen mit all ihrer erotischen Glut trocken: Hier vermochte das Feuer nichts über das Eis. (Brief vom 7. November 1826). Beide Freunde lebten in den Klosterschulen wie im Evangelischen Stift in einer ausschließlich männlich geprägten Lebenswelt.
Am 1. Januar 1826 notiert Blumhardt in sein Tagebuch:
„Wieviele herrliche Freuden genieße ich nicht gegenwärtig in dem Umgange des lieben Eduard. Denn was kann für ein Gemüt, das so gerne sich zur Liebe hinneigt, erfreulicher und angenehmer sein, als alles mit einem Freunde, der ganz mit ihm zu harmonieren scheint, gemeinschaftlich zu tun? Wir sind in kurzer Zeit so aneinander gewöhnt, dass uns, wenn einer auch nur einen Tag vom andern getrennt ist, gleich eine nicht geringe Sehnsucht zum Abwesenden anwandelt.“
„Ich kann sagen, von ihm werd ich zum ersten Mal auch gewürdigt. Und das muss mir wohltun. Oft war es mir, als sei ich nicht wert, irgend eines Menschen wahrer Freund zu sein. Aber nun kann ich Gott danken für einen Freund, der mir gewiss bleiben wird.“
Blumhardt leidet also an seiner Unvollkommenheit und gewiss auch an Minderwertigkeitskomplexen, wohl geschuldet seiner Herkunft und seiner unangefochtenen Denkart. Dies bezeugt schon die Titulierung als „lieb Blumhärdtle“, die im Freundeskreis von Mörike gepflegt wurde.
Werfen wir einen Blick auf den Briefwechsel zwischen den Freunden, der als Geheimkorrespondenz gelaufen ist. Dass sich zwei Freunde, die in derselben Stube wohnen, Briefe schreiben, bedarf einer Kommentierung: Es war wohl die Eifersucht der anderen Busenfreunde Mörikes, die darüber wachten, dass sich kein anderer, kein Fremder, kein Reingeschmeckter in ihre Kreise einmische. Vor allem auch nicht einer, nicht für ganz voll genommen wurde – und der weder ins Milieu der Pfarrerskinder, noch der Beamtenschaft passte.
So sehr der junge Mörike für seine Begabung zu Freundschaften bekannt und berühmt ist, so bleibt doch immer auffällig, wie er sich vor jeder Vereinnahmung scheut und bei aller persönlicher Nähe zugleich seine Distanz wahrt und ausdrückt. Das gilt auch für die Beziehung zu Blumhardt, denn in seinem einzig erhaltenen Brief berichtet Mörike einen (psychologisch spannenden) Trennungstraum - als Antwort auf Blumhardts Liebeserklärung,18. Juni 1826):
„Wie sonderbar war mir zu Muth heut beim Aufwachen. Ich habe die ganze Nacht hindurch in einem unruhigen Schlaf unaufhörlich Abschied von dir genommen, und wir sagten einander noch vieles. [...].“
Darauf geht Blumhardt aber nicht ein, sondern bekräftigt seine Liebe vierzehn Tage später (am 1. Juli 1826): „Lieber Eduard! Nicht wahr du liebst mich? Ja, ich glaube dir. Aber auch ich liebe dich, wie ich noch keinen Menschen geliebt habe.“ Weiter heißt es in dieser Liebeserklärung: „Theurer Eduard! Dieß sind Herzerschütternde Gedanken; aber wahr, wahr sind sie. Doch – ich kann mich wieder erheben, aber nur allein in dem Gedanken, daß ein anderer uns zusammengeführt hat. Er hat’s gethan, dessen bin ich so sicher, als er mich in’s Leben gerufen hat. […].“
Blumhardt versteht also diese Freundschaft als von Gott eingefädelt und damit als gottgegeben, als himmlisch verankert. Wie wird Mörike auf diese göttliche Vereinnahmung reagieren? Der 21. Geburtstag von Blumhardt steht kurz bevor (am 16. Juli), wozu ihm Mörike das schon angesprochene Gedicht „Herzle!“ widmet. Der Titel nimmt Blumhardts Liebesbekenntnis auf, aber die darauffolgenden Verse haben es in sich. Mörike distanziert sich vehement vom christlichen Gottbezug und setzt ihm seine Sichtweise, seine mythologische Welt mit einer Göttin Wayla entgegen. Wissen sollte man, dass Blumhardt kurz zuvor von der Mörikes Stube in die sog. Holzkammer umgezogen ist – eine Art Verschlag im Dachgeschoss des Tübinger Stifts:
Mit dem Fernglas konnt’ ich deutlich sehen,
Wie die Schwalben gar zu gern im Frühen
Um dein liebes Kammerfenster ziehen
Und am Laden hin und wieder gehen.
Eine sonderlich war auch darunter,
Hielt ein wenig Stroh im Schnäbelein,
Oder schien es – welch’ ein lieblich Wunder!
Gar ein goldner Sonnenstrahl zu seyn?
Und so ist es auch. Soll ich dir sagen,
Wie sich alle[s] dieses zugetragen?
Sieh nur: Wayla, meine Göttin, weiß,
Theures Kind, wie herzlich ich dich liebe,
Und nun sorget sie mit gutem Fleiß,
Daß dein dunkel bretternes Gehäus’
Morgens nicht ohn’ alle Sonne bliebe;
Eine Schwalbe sendet sie zumal,
Daß sie diesen jungen Strahl
Unvermerk[t] dir in das Fenster schiebe;
Und er sey zugleich, wie Wayla meint,
Erster Morgengruß von deinem Freund.
Einige Gedanken dazu:
Sprachlich öffnet sich hier wieder die Gefühlswelt der Romantik, denn dieses Liebesgedicht hätte genauso an ein Mädchen gerichtet werden können. Schon allein der Titel „Herzle!“ spricht Beziehungsebenen an, die weit über Freundschaftsbezeugungen hinausgehen.
Oberflächlich gelesen sind diese Verse ein Liebesbekenntnis Mörikes. Doch weiß dieser geborene Freundesmensch zugleich immer auch Distanz zu wahren; allzu eng sollen die Bande nicht geknüpft werden. Hier im Gedicht sichtbar am distanzierenden Fernglas wie an der Nennung seiner Göttin Wayla (auch Weyla geschrieben), der er das Wissen um diese Freundesliebe in den Mund legt.
Im Untergrund lauert aber eine gezielte Provokation am Geburtstag seines Freundes Blumhardt, dessen christlicher Glaube diesen so unangefochten durchs Studium wie später durchs Leben trägt. Hier stehen sich zwei diametral auseinanderliegende Gottesvorstellungen gegenüber: Der männliche, patriarchalische Vater-Gott und ein weibliches Pendant, eben die – mythologische und selbsterfundene – Göttin Weyla/Wayla.
Orplid
Die Göttin Weyla führt uns auf ein anderes, kontroverses und zugleich verwandtes Thema der beiden Freunde. Mörike entwickelt zusammen mit Ludwig Amandus Bauer die Mythologie eines fernen, längst versunkenen Landes Orplid. Ein Traumland, das den jungen Studenten hilft, aus der geistigen Enge wie aus der politischen und autoritären Gängelung ausbrechen zu können.
Gewiss kein poetisches, geschweige denn biblisches Thema für einen angehenden Pfarrer! Auf der Kanzel hat Orplid keinen Platz; da verkündigt man das Reich Gottes oder spricht vom Neuen Jerusalem. Aber sowohl hier wie dort steckt ein Sehnsuchtsmotiv, die Vision einer anderen, besseren Welt und einer kommenden, neuen Zeit, eben das Reich Gottes.
Wie kann dem allem begegnet, was ihm entgegengehalten werden? Z. B. mit poetischen, visionären Bildern wie (1832)
Gesang Weylas
Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.
Ein rätselhaftes Gedicht, so rätselhaft wie Orplid. Man kann sich fragen, was zu dieser poetisch-imaginierten Welt geführt hat. Ist Orplid eine rückwärtsgewandte Nostalgie oder eine vorwärtsweisende Vision? Die Französische Revolution hatte 1825 ihre Sternstunden längst hinter sich – Hölderlin ist beim Griff nach diesen Welten in die Nacht abgestürzt, was Mörike bei seinen Besuchen und Treffen im Tübinger Turm gespürt haben mag. Der Wiener Kongress und die anschließende Restaurationsepoche nahmen Politik und Menschen gleichermaßen fest in den Griff. Rückzug aus Politik und Öffentlichkeit – heißt die Devise. Das Biedermeier und seine häuslichen Nischenexistenzen sind beredtes Zeugnis davon. Auszuhalten nur im Gedanken an „Orplid“ und dessen visionäre Alternative.
Reich Gottes
Auch Blumhardt denkt und lebt in vergleichbaren Dimensionen, wenn sich auch seine visionäre Mythologie ganz und gar biblisch orientiert. Im Pietismus des 18. und 19. Jahrhunderts war die Erwartung des baldigen Weltendes und der nahenden Wiederkunft Christi immer ein fester Bestandteil. Der seinerzeit berühmte und geschätzte Johann Albrecht Bengel berechnete gar diese historische Zäsur auf den 18. Juni 1836. Das verheißene tausendjährige Reich würde die Welt verwandeln und den paradiesischen Zustand wiederherstellen. Bis zu seinem Tod mit 75 Jahren (1880) hielt Blumhardt an dieser Erwartung fest. Allerdings steht in den Briefen nichts von einer Auseinandersetzung mit dieser Vision drin.
Seine geistliche Lyrik ist deshalb fast ausschließlich auf dieses Thema ausgerichtet: „Jesus ist der Siegesheld!“ (gesungen auf die Melodie: Großer Gott, wir loben dich):
Jesus ist der Siegesheld,
Der all’ seine Feind’ besieget.
Jesus ist’s, dem alle Welt
Bald zu Seinen Füßen lieget.
Jesus ist’s, der kommt mit Pracht,
Und zum Licht führt aus der Nacht.
Im Evangelischen Gesangbuch findet sich noch ein Choral von Johann Christoph Blumhardt, nämlich „Dass Jesus siegt bleibt ewig ausgemacht…“. In den vier Strophen findet sich der Name Jesus neunmal. In Mörikes ganzem poetischen Werk aber weniger als in Blumhardts Choral.
Kritik und Widerspruch
Diesem ungebrochenen Glaubensoptimismus kann Mörike nicht entsprechen. Immerhin gesteht er im einzig erhaltenen Brief an Blumhardt:
„Ich will ein recht gutes und so viel möglich eingezogenes Leben führen. Ich freue mich, öfters einsam zu seyn, und werde oft eines wehmüthigen Friedens genießen; eine Art zu fasten und zu schweigen wird mir wohl thun. Du wirst lachen, wenn ich Dir sage, daß mir der Gedanke, das Rauchen eine Zeitlang bestimmt auszusezen, ein besonderes Vergnügen macht.“
Wie weit und wie lange diese Vorsätze von ihm beherzigt wurden und wie tief sie in Eduard verankert waren, muss offenbleiben. Ein gemeinsamer Studienfreund, Rudolf Flad, hat da seine Zweifel, wie Blumhardt in einem Brief an Mörike berichtet (9. Juli 1926):
„Gestern Abend erzählte mir Flad weitläuftig seinen Spaziergang mit dir … Er meint, du seiest immer noch in der Wahl, welchen Weg du einschlagen wollest; du habest es dir noch nie mit Bestimmtheit u. Entschlossenheit gedacht, daß du ein Christ werden wollest. Ich bestritt es (durfte ich es? – ja gewis).
Er aber sagte: Dieser Entschluß müsse auf einmal kommen, u. es liessen sich sogleich die Früchte davon wahrnehmen. Deswegen könne er dich auch nie recht angreifen; wenn du hie u. da ein Räuschchen hättest, abnoctirest (also bei Nacht aus dem Stift ausbuchst) u.s.w., indem er nie zu dir sagen könne: ‘sieh du hast dir’s vorgenommen, ein Christ zu sein; ist das christlich?‘...“
Mörike kontert diesem selbstgerechten und gesetzlichen Glaubensrichter trefflich in ein paart ironisch-sarkastischen Versen, wobei wohl ein anderer Namensbruder gemeint ist als dieser Mitstudent Flad. Aber die Treffsicherheit bleibt dieselbe:
Der Herr Vikare
Redt immer das Gute und Wahre
Es ist ein Staat,
wie der Herr Flad
Prediget
Und gleichsam die Leute nötiget
Zu dem Wahren und Guten
Er bekehrt Heiden und Juden;
Nein auf Ehre,
Wenn nur ich so wäre.
„Wenn nur ich so wäre...“ – Verstörend und zugleich entlarvend in Bezug auf Mörikes eigenen Glauben lesen sich die Zeilen, mit denen er ein altes lateinisches Lied übersetzt mit dem Titel: SEUFZER (1832):
Dein Liebesfeuer,
Ach Herr! wie teuer
Wollt ich es hegen,
Wollt ich es pflegen!
Hab‘s nicht geheget
und nicht gepfleget,
Bin tot im Herzen –
O Höllenschmerzen!
Interpretiert man diese Übertragung biografisch, dann lässt sich daraus eine wahrlich höllische Seelenlage des jungen Theologen lesen. Keine Glaubensfreudigkeit, kein missionarisches Engagement, sondern ein sehr modern anmutender Mensch, dieser Mörike mit all seinen Zweifeln, seiner Gottverlassenheit (bin tot im Herzen), seinen Seufzern und seiner spirituellen Heimatlosigkeit.
Blumhardt als Brückenbauer
In einem Brief vom Juli 1826 jedoch schlägt Blumhardt eine hilfreiche Brücke zu seinem Freund und dessen poetischer Genialität:
„Soll Gott dir die Liebe zur Poesie eingepflanzt haben, um dir dadurch reichen ästhetischen Genuß zu gewähren? oder sollst du andern weiter nichts als diesen bereiten? … Magst du also der Poesie noch so viele Zeit und Mühe schenken, wenn es der Sache Gottes wahrhaft gilt, so hast du erfüllt, was Gott von dir fordert. –“
Es gibt für Blumhardt auch andere Wege religiöser Einstellung und christlicher Existenz, die nicht mit den eigenen und gewiss nicht mit scheinbar alleinseligmachenden kirchlichen Normen und Überzeugungen übereinstimmen müssen. Diese menschliche Empathie und theologische Offenheit lebt Blumhardt durchgehend.
Das eindrücklichste Beispiel dafür findet sich in einer Initiative, die Blumhardt auf eigene Faust unternimmt, indem er nach Stuttgart wandert, um mit Mörikes gestrengem Onkel, dem Präsidenten Eberhard Friedrich von Georgii, einem verdienten und hoch geachteten württembergischen Staatsmann, zu verhandeln. Er will im Gespräch um Verständnis für Eduards poetische Begabung werben und sich nach einem beruflich alternativen Weg des angehenden Vikars erkundigen.
Davon berichtet er seinem Freund Mörike in einer Art Gedächtnisprotokoll vom 4.10.1827, überschrieben „Das Kanonenfeuer“:
Georgii (barsch): Der Mensch hat eben einen entsetzlichen Hochmut, was bürgt ihm denn für seine Talente? Hat er denn auch schon was Größeres ausgearbeitet? Blumhardt: Nein. Georgii: Ja was? Was kann man denn aus einem Gedicht schließen? Wer sagt ihm denn, dass das andere auch gelingen muss? Blumhardt: Es ist wahr; ich forderte ihn daher immer auf, er soll wo möglich etwas ausarbeiten. Nur auf dem Vikariat nicht; hier seien ihm gleichsam Händ‘ und Füße gelähmt. Georgii: Ja was will er denn? Blumhardt: Da glaubt er eben durch ein Amt bei einer Bibliothek einen Ausweg zu finden. Georgii: Da sieht man, wie der Mensch eben immer in’s Blaue hineinsieht; er denkt eben nicht und lebt immer in Ideen und Phantasien. Was Bibliothekar? – Ja, ja, wer ein Gedicht machen kann, wird nur gleich Bibliothekar.
Aber was soll man denn mit ihm anfangen? Wenn nur die Poesie beim Teufel wäre, ich sag‘ es noch einmal, wenn nur die Poesie beim Teufel wäre; an sich freilich nicht, aber Mörikes Poesie. … Er taugt eben zu gar nichts…. Bequem, dies war von jeher der Fehler dieses arbeitsscheuen Menschen; und darum ist auch Alles aus mit diesem Menschen.
Wie mag dieses Urteil des Onkels und Vormunds auf Eduard gewirkt haben? Sicherlich nicht Mutmachend, geschweige denn unterstützend. Entgegen dieser Prophezeiung zählt Mörike heutzutage zu den größten Lyrikern des 19. Jahrhunderts.
Seine eigenen Selbst-Zweifel, gepaart mit schwäbischer Bescheidenheit, packt er in den folgenden Vierzeiler:
Mein Wappen ist nicht adelig,
Mein Leben nicht untadelig,
Und was da wert sei mein Gedicht,
Fürwahr, das weiß ich selber nicht.
Eine ausführliche schriftliche Fassung dieses Beitrags kann gerne beim Autor angefordert werden.
Pfr. Albrecht Esche, wohnhaft in Mössingen-Öschingen. Theologe und Literaturwissenschaftler M.A., 17 Jahre im Gemeindepfarramt und 15 Jahre Studienleiter für Theologie, Literatur und Kunst in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Konzeption der literarischen Gedenkstätte »Blumhardts Literatursalon«. Publikation: »Reich Gottes in Bad Boll. Religion, Kultur und Politik bei Johann Christoph Blumhardt und Christoph Blumhardt« (2016, vergriffen).
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