Literaturland Saar

Rainer Petto // Oktober 2021

Gibt es eine Beziehung zwischen Wort und Ort? Zwischen literarischem Text und dem Ort, an dem sie entstanden ist, an dem sie spielt, aus dem ihr Autor kommt?

Gustav Regler (rechts) mit Ernest Hemingway und dem russischen Autor Ilja Ehrenburg, ca. 1937, (© Foto: gemeinfrei, wikipedia.org)

Für den Rezipienten ist die Sache ganz einfach: Wenn ein literarischer Text verortbar ist, nimmt ihm das ein Stück seiner Aura und macht ihn für den Leser nahbar; wenn ein Ort „literaturwürdig“ geworden ist, verleiht ihm das eine gewisse Aura, entrückt ihn also. Eine Vorstellung, die ins Magische hinüberreicht.

Die magische Wirkung literarisch veredelter Orte ist so groß, dass wir uns auch von Fragwürdigkeiten und Fälschungen nicht abschrecken lassen. Angenommen, es gäbe so etwas wie den Geist eines verstorbenen Dichters, der noch in alten Mauern hängt – gilt das auch für einen Wiederaufbau wie das Frankfurter Goethe-Haus? Und was erhoffen wir uns von jenem Balkon in Verona, wo die Tragödie von Romeo und Julia doch reine Erfindung ist, der Balkon erst im 20. Jahrhundert den Touristen zuliebe an ein beliebiges Haus appliziert wurde und, nebenbei, in Shakespeares Regieanweisungen ein Balkon gar nicht erwähnt wird? Den Leuten ist es egal, sie strömen zu diesen Orten, um den Geist einer Person, eines Werkes, einer Epoche mit Händen greifen zu können.

Man sieht, die sogenannte literarische Topographie ist kein Hobby von Spezialisten, sondern geradezu ein massentaugliches Phänomen. Umso besser natürlich, wenn man sich auf faktischer Grundlage bewegt. Für das Saarland wollte das Fred Oberhauser leisten, seinerzeit Kulturredakteur beim Saarländischen Rundfunk.

Fred Oberhausers (zusammen mit seiner Frau Dr. Gabriele Oberhauser erarbeitetes) Hauptwerk ist der „Literarische Führer durch die Bundesrepublik“, 1974 im Münchner Insel-Verlag herausgekommen. Nach der Wiedervereinigung kann Oberhauser 2008, jetzt zusammen mit Axel Kahrs, den „Literarischer Führer Deutschland“ vorlegen. Dazwischen veröffentlicht er regionale Literaturführer (Schwarzwald und Oberrhein, Berlin) - aber keinen fürs Saarland. Das lässt ihm keine Ruhe.

Jahrelang sucht er Mitstreiter für einen Saar-Band. Schließlich kann sein Sohn Martin Oberhauser den Vater, den notorischen Büchernarren, davon überzeugen, dass heutzutage nicht mehr das Buch, sondern das Internet der ideale Publikationsort für ein solches Werk ist. Fred Oberhauser, seine Frau, ihr Sohn Martin und ich nehmen das Projekt schließlich in Angriff. In der Vorbereitungsphase stirbt 2016, im Alter von 92, Fred Oberhauser. Wir anderen beschließen, die Arbeit auf jeden Fall fortzusetzen. Im Winter 2017 geht, dank der Unterstützung durch einen Stab von freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Website www.literaturland-saar.de online.

Die Gründer von Saarland-Literatur.de. v. l. n. r. Fred Oberhauser († 2016), Gabriele Oberhauser, Rainer Petto und Martin Oberhauser (© Foto: Privat)
Der „Grenzblickweg“ im Landkreis Saarlouis (© Foto: literaturland-saar.de)

Das Saarland als Literaturland? Literatur und Saarland, das ist für viele eine erstaunliche Kombination. Das Saarland besitzt nicht einmal eine gesicherte Identität, es ist historisch noch ganz jung, sein Zuschnitt folgte wirtschaftlichen Interessen, einen Volksstamm der Saarländer oder die Mundart des Saarländischen gibt es nicht. Alles Mögliche, schmeichelhaft oder weniger schmeichelhaft, wird mit dem Land assoziiert, aber sicher nicht Literatur.

Ein großer Irrtum. Was kaum einer weiß: Hierzulande wurden Meilensteine der Literaturgeschichte gesetzt. Eine Gräfin in Saarbrücken, Elisabeth von Lothringen, gilt als Schöpferin des deutschen Prosaromans. Der in Limbach geborene Barockdichter Theobald Hock hat in einer Zeit, in der Neulatein immer noch die dominante Sprache der Gelehrten war, den ersten deutschsprachigen Band mit eigenen Gedichten veröffentlicht. Nur wenige Schriftsteller haben sich so in die Politik eingemischt und darüber so glänzend geschrieben wie Gustav Regler. In unseren Tagen hat Johannes Kühn gezeigt, dass man ein Heimatdichter und dennoch auf der Höhe der Zeit sein kann. Ludwig Harig hat Romane vorgelegt, die ganz neu vom Krieg und von Verstrickungen im Dritten Reich erzählten.

Und dann natürlich die großen Durchreisenden, die ihre Beschreibungen des Landes hinterlassen haben: Goethe, Knigge, Fontane, Hesse, Döblin, Koeppen. Und auch Autoren ohne große Namen haben wichtige Texte über dieses Land geschrieben. Und immer noch entsteht Literatur im und über das Saarland.

Für unsere Website bestand die Aufgabe darin, vorhandenes Wissen zu bündeln, neues zu erarbeiten, und das Ganze so aufzubereiten, dass es auch dem Internetlaien leicht zugänglich ist. Die Grundstruktur ist denn auch ganz einfach: Es gibt Artikel über Autoren und Artikel über alle saarländischen Gemeinden, und sie sind per Link miteinander verknüpft. Man kann an einem beliebigen Punkt einsteigen und sich dann per Link durchs ganze Land bewegen, vom Autor zum Ort, vom Ort zu weiteren Autoren, von den Autoren zu neuen Orten, und das Ganze quasi endlos.

Bildmontage Webseite (© Foto: literaturland-saar.de)

Neben den Orts- und den Personenartikeln findet der Nutzer auch zusammenfassende Themenbeiträge zu speziellen Fragestellungen, etwa zur Fantasy-, zur Kinder- und Jugendliteratur oder zur regionalen Songwriter-Szene. Und ganz wichtig ist uns auch der Blick über die Landesgrenze, ein großer Beitrag wirft ein Licht auf Literaten an der französischen Saar, ein anderer auf die Luxemburger Literaturlandschaft, um nur diese Beispiele zu nennen.

Im November 2017 konnte die Website literaturland-saar.de, mit einer Anschubfinanzierung des saarländischen Kultusministeriums, online gehen. Vier Jahre später haben Nutzer rund 300.000 Mal darauf zugegriffen. Die Arbeit ist nicht abgeschlossen, die Beiträge werden laufend aktualisiert, ergänzt, auch korrigiert, neue Beiträge kommen hinzu. So wird es das Literaturland Saar vielleicht noch geben, wenn das Bundesland nicht mehr existiert.

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Wolfgang Felk und Jürgen Proföhr

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