Sollbruchstelle Ostdeutschland

Frank Berger // Mai 2025

Was geschieht da gerade im Osten? … fragte mich ein Freund, denn seine westdeutschen Freunde lechzten nach Antwort. Dass ich Ostdeutscher bin, 1965 in Leipzig geboren wurde, meine Mutter als Vertriebene aus Ostpreußen kam, mein Vater Sachse und Arbeiter war, ist geschenkt und nicht gewählt. Also: Was tun? Ganz Sohn meiner Klasse neige ich emotional bewegt zur spontanen Handlung. Kann ich nicht! Mach ich nicht! Andererseits: Was tun! Wenn ich antworten will, dann muss ich darüber nachdenken und es aufschreiben - als bewusste Handlung. Also habe ich nachgedacht, lange gerechnet und sehr gründlich nachgeprüft. Und die Antwort lautet exakt: 22,4.

Der Anteil der Zweitstimmen zur Bundestagswahl 2025 (ohne Berlin) für die Parteien AfD und Die Linke zusammengerechnet beträgt in Deutschland Ost 48 Prozent, in Deutschland West 25,6 Prozent - ein Unterschied von 22,4 Prozentpunkten.

Das ist mathematisch klar aber politisch, soziologisch und überhaupt unbefriedigend. Steffen Mau meint, dass sich in Ostdeutschland, und um diesen Landstrich soll es im Weiteren gehen, eine eigene politische Kultur ausgebildet hat.
Was auch immer da vorgeht, es geschieht nicht gerade, es bildete sich aus. Nur, seit wann? Bei wem? Und wie? Und warum mehr dort als anderswo?

Der Osten war »schon immer« anders als der Westen

Über den Osten Deutschlands und seine Bewohner ist viel geschrieben worden. Dabei reichen die Betrachtungen zurück bis 1989 oder bis 1945, und manchmal bis 1933. Egal wie weit, man kann mit einiger Sicherheit behaupten, dass bereits vor 1933 auf dem Gebiet, welches heutzutage allgemein als Ostdeutschland bezeichnet wird, Menschen lebten. Glauben, erfahren, handeln, behandelt werden - vieles hat diese Menschen geprägt und ein Gedächtnis geschaffen und zwar nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene. Im kollektiven Austausch bildet sich das Gedächtnis des einzelnen. Die Soziologin Aleida Assmann spricht von Wir-Gruppen, mit denen ein Individuum sich verbindet.

Um ansatzweise zu verstehen, was sich wie und warum in kollektiven Gedächtnissen verschiedener ostdeutscher Wir-Gruppen bis heute hält, bleibt uns ein historischer Parforceritt beginnend mit der Reformation nicht erspart.

Lucas Cranach the Elder, Portrait of Martin Luther, 1528

Eine kurze ostdeutsche Geschichte von der Reformation bis 1949

Martin Luther schafft mit der Reformation die Voraussetzung für die Unabhängigkeit des deutschen Feudalismus. Eine einschneidende Folge zur Stabilisierung der sich gründenden evangelischen Kirche ist der Pakt mit den Landesherren. Es entsteht zwangsläufig eine enge Verbindung zwischen Kirche und obrigkeitlichem Staat. Mit der Bibelübersetzung geschieht darüber hinaus etwas sehr Wesentliches: aus Meißner Kanzleideutsch wird gepredigtes Lutherdeutsch. Fest im Sprachgebrauch sind bis heute überlieferte Sprüche Luthers wie: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« oder »Dem Volke aufs Maul schauen«.

Die Reformation spaltet nicht nur die christliche Glaubensgemeinschaft, sie ist in ihrer Ethik von Arbeit und Beruf die Voraussetzung für die Entstehung dessen, was Max Weber als den Geist des Kapitalismus bezeichnet. Der Geist wich aus der Flasche und kreiert die Moderne und mit ihr Säkularisierung, Verwissenschaftlichung, Industrialisierung, Vermarktlichung und die Demokratie, freilich vorerst nicht in Deutschland.

Im 19. Jahrhundert entstehen drei grundverschiedene Denkrichtungen gesellschaftlichen Lebens: die liberal-rationalistische Tradition mit einem von der gleichen Rechtssubjektivität jedes einzelnen ausgehenden Begriffs (Universalismus), die marxistische Perspektive einer wiederzugewinnenden höheren menschlichen Einheit (Menschengemeinschaft) und die auf einem schicksalshaften Gemeinschaftsbegriff beruhende völkisch-mythische Tradition (Volksgemeinschaft). Sie konkurrieren nicht nur theoretisch, sie dienen als ideologischer Leim für interessengesteuerte Vergemeinschaftungen mit ganz praktischen Auswirkungen.

Mit der Reichsgründung 1871 wird das agrarische Junker-Preußen zum Motor und Antreiber der Gründerzeit. Bevölkerungszahl und Industrialisierungsgrad explodieren geradezu. Leben im Jahr 1871 im Deutschen Reich 41 Millionen Einwohner, sind 1914 rund 68 Millionen. Um 1870 gibt es im Deutschen Reich acht Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, vierzig Jahre später sind es achtundvierzig – auch das Resultat einer bis dahin ungekannten Landflucht. Der Große Krieg von 1914 bis 1918 endet für das Kaiserreich in einem militärischen und politischen Desaster und bedeutet mit der Ausrufung der Republik am 9. November das Ende der Monarchie auf deutschem Boden. Der Versailler Vertrag bürdet der jungen Republik Wiedergutmachung durch Geld- und Sachleistungen (Reparationszahlungen) auf. Dass im Laufe des 1. Weltkrieges die Oktoberrevolution 1917 und die Gründung der Sowjetunion 1922 den Beginn eines neuen politischen wie ökonomischen Gesellschaftsmodels markiert, sollte insbesondere für die Ostdeutschen von besonderer Bedeutung sein.

Die Soziologie erkennt in dieser Zeit zwei sich gegensätzlich verhaltende Typen: einerseits den alten von einem inneren Kreiselkompass Innengeleiteten. Max Weber sieht in ihm eine Verkörperung der protestantischen Ethik. Andererseits tritt der moderne, der Radar-Typ auf, der außengeleitet sein Verhalten orientiert. Der Philosoph Helmuth Plessner entwirft seine Verhaltenslehre für die Kühle der Gesellschaft. In Grenzen der Gemeinschaft stemmt er sich gegen das Konzept, Zusammenleben gemeinschaftlich statt gesellschaftlich zu organisieren. Den Kult der »Echtheit« eines fundamentalen Gemeinschaftsgedanken sieht er verschwistert mit dem Terror.

Der Terror kommt mit Adolf Hitler und der 1920 gegründeten NSDAP. Ihr Siegeszug verläuft von Ost nach West. 1930 stimmen in vielen Wahlbezirken Ostelbiens zum Teil über 30 Prozent für die NSDAP; bei den letzten freien Wahlen vor Beginn des Dritten Reichs sind es 40 bis 50 Prozent. Bei den Wahlen 1933 liegen 94 Prozent aller NSDAP-Hochburgen in überwiegend evangelischen, wenig urbanisierten und industrialisierten Agrargebieten.

Das Tausendjährige Reich dauert 12 Jahre, nicht einmal eine Generation, die sogenannte stumme Generation von 1928 bis 1945. Der 2. Weltkrieg ist verloren, der geliebte Führer tot. Viele deutsche Städte sind weitgehend zerstört, unzählige Männer gefallen oder in Kriegsgefangenschaft. Es beginnt die Zeit der Besatzung, die Zeit der deutschen Teilung. Die territorialen wie politischen Begriffe »Ost« und »West« bekommen die heute noch gültige Bedeutung. Sie hört sich an wie eine Wiederholung der antiken Epoche: hier die kultivierten Bürger und jenseits des Limes die Barbaren.

Ostdeutschland erlebt eine Völkerwanderung. Insgesamt 4,3 Millionen Menschen, fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), sind Vertriebene - zwei Drittel Protestanten, ein Drittel Katholiken. Ihre Anwesenheit verändert die Gesellschaft grundlegend.

Staatsflagge der Deutschen Demokratischen Republik

Die DDR – der ostdeutsche Staat

Der 1949 gegründete Arbeiter- und Bauerstaat reklamiert für sich, die einzig antifaschistische und wahrhaft demokratische Regierungsform auf deutschem Boden zu sein. Nach dem Vorbild der UdSSR wird der demokratische Zentralismus als Führungsprinzip durchgesetzt. Die politische Macht ist in Form einer Gewalteneinheit strukturiert – Legislative, Exekutive, Judikative sowie alle Medien unterstehen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die DDR ist eine Kontrollgesellschaft. Zu den Mechanismen der Macht gehören eine flächendeckende Überwachung und Einschüchterung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sowie permanente Überzeugungsarbeit durch Volksbildung, Agitation und Propaganda.

Die DDR ist eine konformistische Gesellschaft. Erfahrungsräume wie Kindergarten, Schule, Lehre, Studium, Betrieb, Einkommen, Konsum, Kultur, Rente, Sprache, Medien, Touristik sind für alle sehr ähnlich. Die DDR ist eine Arbeitsgesellschaft. Die wenn auch nur auf dem Papier mächtige Arbeiterklasse entwickelt einen eigenen Stolz. Der allgegenwärtige Gruppenzwang geht nicht nur von den Funktionären und Ideologen aus. Er ist bei vielen verinnerlicht.

Grob betrachtet ist die DDR-Bevölkerung dreigeteilt in:

  • die, die aktiv die Politik von Partei und Staat unterstützen, genannt die »Überzeugten«,
  • die, die sich nonkonformistisch verhalten, einen Ausreiseantrag stellen, in die Kirche gehen, sich zu Wehr setzen, kurz die Opposition,
  • und die, die sich in das System einrichten, »ganz normal« arbeiten und zusehen, dass sie gut versorgt sind, die »schweigende Mehrheit«. Sie verstehen es, im Privaten Freiraum und Unabhängigkeit zu finden. Sie lesen in der lokalen SED-Tageszeitung »zwischen den Zeilen«. Sie würden nie in die Partei ein- aber auch nie gegen sie auftreten. Heute nennen sie sich selbst und nicht ohne Stolz »gelernte DDR-Bürger«.

Dennoch: die DDR lässt sich nicht auf Arbeiter- und Bauernstaat, SED-Diktatur und sozialistische Planwirtschaft reduzieren. Sie ist zu verstehen als ein deutscher Geschichtsraum, der durch seine räumliche Lage und kulturelle Prägung Eigenarten besaß, die auch Regimewechsel überdauern.

Skulptur 'Wir sind das Volk' von Rolf Biebl an der 'Straße der Erinnerung' in Berlin-Moabit.

Leben nach der DDR – Euphorie, Verlusterfahrung, Verlustangst

Dieser Wechsel vollzieht sich in ungeahnter Geschwindigkeit. Die sogenannte »Wende« bleibt als das Selbsterlebte bis heute in lebendiger Erinnerung. Der Ruf »Wir sind das Volk!« ist Selbstvergewisserung und Klarstellung gegenüber den Regierenden in einem. Jedoch ein »Wir« im Sinne von »Alle« hat es nie gegeben. Wollen die einen politische Mitbestimmung, ist es Reisefreiheit bei den anderen. Die nächsten schauen nur mal nach und dann sind da noch die IM der Staatssicherheit. Dass die Demonstrationen im Herbst 89 das Ende der DDR bedeuten könnte, denkt und will auch ernstlich niemand. Gleichwohl gewinnt die friedliche Revolution an Tempo und gerät unter massivem westlichen Einfluss alsbald zu einer geraubten Revolution.

Helmut Kohl erkennt die einmalige Chance, den Vereinigungsprozess anzutreiben. Dabei setzt die in den Umfragewerten hinter den Sozialdemokraten liegende Union auf die »nationale Karte« und entfaltet eine »Sogwirkung des nationalen Syndroms«. Aus »Wir sind das Volk!« wird »Wir sind ein Volk!«. Auf Nationalismus als Identitätsangebot können sich viele ostdeutsche Wählerinnen und Wähler einlassen. Der Bumerang ist geworfen.

Die CDU gewinnt die Volkskammerwahlen, das Ende der DDR ist beschlossen, am 3. Oktober 1990 besiegelt. Die Runden Tische landen auf dem Sperrmüll. Von Oppositionsgruppen eingebrachte Vorschläge, direktdemokratische und plebiszitäre Elemente als Impulse ins Grundgesetz aufzunehmen, scheitern mit dem Ende der »Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundesrat und Bundestag«. Eine gesamtdeutsche Verfassung lehnt der Bonner-Deutsche Bundestag mehrheitlich ab.

Alles spricht von »Geschichte« und »Wiedervereinigung«. Was folgt ist eine Geschichte der Entfremdung. Kohls Versprechen „Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor - dafür vielen besser“ bedeutet Arbeitslosigkeit und Statusverlust für viele. 1993 arbeiten zwei Drittel nicht mehr im ursprünglichen Beruf, bei höheren Leitungspositionen sind es neunzig Prozent. Arbeitslosigkeit wird zunehmend als ostdeutsches Kollektivschicksal einer überschüssigen Bevölkerung wahrgenommen. Die mit der Abwicklung der DDR-Wirtschaft beauftragte Treuhandanstalt steht namentlich für die kollektiv empfundene Kränkung der Enteignung des Volkseigentums. Das wiederholte Nacherleben von Kränkungen führt zu einem sich verselbstständigenden Groll.

Spaltungskonflikte und Widerstände sind die Folge. Ist es anfangs die PDS (ab 2007 DIE LINKE), die montags zu Demonstrationen aufruft, wechselt die Stimmung mit PEGIDA ab 2014 in Richtung rechts. In einer als sinnlos empfundenen Gesellschaft ist »Dagegensein« - gegen Regierende, gegen Ausländer, gegen Gendern usw. - sinnstiftend. Dabei dienen Emotionen als Aufmerksamkeitsverstärker. Sie stärken die Identität der sich formierenden Gruppen. Die spezifisch ostdeutschen Verlusterfahrungen werden gezielt instrumentalisiert und mit Verlustängsten verbunden. Als Verlustunternehmer und Angstgenerator setzen Populisten auf verbreitete Verlustwahrnehmungen in ihren sozialen Trägergruppen. Verluste werden in Erzählmuster eingebettet. Daraus speisen sich Verlustgeschichten. Im »früher war alles besser« verdichtet sich die Verlusterzählung für ganze soziale Gruppen, die das Kollektivbewusstsein einer Verlustgemeinschaft ausbilden.

Das kollektive Gedächtnis ausgewählter Wir-Gruppen in Ostdeutschland

Die skizzierten historischen Ereignisse sind gruppenbezogen in kollektive Gedächtnisse verankert. Beispielhaft lassen sich bei drei ostdeutschen Wir-Gruppen signifikante Ursachen für eine Ost-West-Verschiedenheit identifizieren.

Portrait von Niccolò Machiavelli

Wir-Gruppe 1: Der ländliche Raum – Die Obrigkeitsgesellschaft

Die Bevölkerung im ländlichen Raum des Ostens setzt sich heute zusammen aus:

  • den Nachkommen der Abwanderungswellen seit 1880,
  • den Nachkommen der Vertriebenen bis 1948,
  • den Übriggebliebenen der Abwanderung in den Westen und in den städtischen Raum im Osten bis heute.

Der durch Landflucht ständig wachsende Unterschied zwischen Stadt und Land kennzeichnet die ostdeutschen Lande. Das typische Phänomen der Moderne betrifft sicher ganz Deutschland; im überwiegend rückständigen agrarischen Osten verschieben sich die Verhältnisse jedoch seit Ende der 1880er Jahre überproportional. Diese Unterschiede beziehen sich auf Identifikation hinsichtlich der Scholle, der Heimat, der Sprache – letztlich: der konservative Glaube an das, was war versus der moderne Glaube an das, was kommt.

Tief verankert im kulturellen Gedächtnis im protestantisch geprägten ländlichen Raum Ostdeutschlands ist das Abhängigkeitsverhältnis der evangelischen Kirche vom Landesherrn. Max Weber nennt es die patriarchalische Gebundenheit des Ostens. Auch ohne direkte konfessionelle Bindung lebt der lutherische Geist fort. Bis heute ist der Wertekanon traditionell familiär und heimatverbunden, mit einem inhärenten Bild eines Sicherheit verleihenden, guten Landesherrn. Zerfällt dieses Bild, verkehrt sich die Zustimmung in aktive Ablehnung. Das Glaubensbekenntnis »Hier stehe ich, ich kann nicht anders!« findet sich wieder in einer weit verbreiteten Ambiguitätsintoleranz.

Bundesarchiv, B 145 Bild-P109963 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE

Wir-Gruppe 2: Der städtische Raum - Die Arbeitsgesellschaft

In der Analyse zu Herkunft und Gebrauch des Wortes Beruf mit Blick auf die protestantische Arbeitsethik schreibt Max Weber: Beruf ist „das, was der Mensch als göttliche Fügung hinzunehmen, worein er sich »zu schicken« hat.“ Der Einzelne hat eine Berufspflicht zu empfinden und zwar unabhängig davon, ob er Verwerter seiner Arbeitskraft (Arbeitnehmer) oder Sachgüterbesitzer von Kapital (Arbeitgeber) ist. Die fundamentale Kritik am Kapitalismus eines Karl Marx gründet ebenso auf der Annahme, dass allein Arbeit Werte schafft. Die marxistische Traditionslinie leitet aus dem protestantischen Arbeitsethos ein Arbeiterbewusstsein samt Klassenkampf ab. Das marxistische Weltbild ersetzt den göttlichen Glauben. Der Gedanke der Arbeit als Dienst am Höheren bleibt. Im völkischen Weltbild der Nationalsozialisten wird die »Pflicht zur Arbeit« stilisiert zur »Ehre der Arbeit«.

Mit der Idee der »sozialistischen Menschengemeinschaft« kann die junge DDR realhistorisch an die der »nationalsozialistischen Volksgemeinschaft« anschließen. Es geht um das Gefühl, Teil eines Großen, eines besseren Ganzen zu sein. Arbeiter im Arbeiter- und Bauernstaat, Mitglied der siegreichen Arbeiterklasse zu sein, verschafft dem alten Arbeiterstolz erneut Geltung. Die Gemeinschaftsethik, die dem Kollektivierungsideal des DDR-Staates zugrunde liegt, konstituiert sich durch die »Pflicht zur Arbeit« – und zwar für alle. Arbeit steht im Mittelpunkt der sozialistischen Persönlichkeitsbildung. Arbeit schafft den Raum, in dem soziale Beziehungen und sozialer Zusammenhalt gestiftet und gefestigt werden. Im Rahmen kollektiver Arbeit wird nahezu alles geregelt: Einkommen, Freizeit, Urlaub, Gesundheitsvorsorge, Krankenbetreuung, Kultur, Rentnerbetreuung, Freundschaftsbeziehungen, Liebe und Sexualität, Feierkultur, Kinderbetreuung.

Es sind heute die ostdeutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die die Zeit der Vollbeschäftigung und Anerkennung in der DDR als Wir-Gruppe »Arbeiterklasse« im sozialistischen Wertesystem erinnern und sich demgemäß definieren. Arbeitslosigkeit ist für sie mehr, als keiner Arbeit nachzugehen. Sie wirkt demütigend und kränkend auf die Betroffenen und deren Umfeld. Der Unterschied zu den westdeutschen Vergleichsgruppen liegt hier in der Fallhöhe und Fallgeschwindigkeit.

Slavia hooligans

Wir-Gruppe 3: Die zurückgelassenen Männer – Frauendefizit mit Folgen

Ab 1989 Jahre ziehen vermehrt junge Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen von Ost nach West. Dabei sind 56 Prozent aller von 1989 bis 2023 abgewanderter Personen weiblich. Daraus resultiert ein messbares Frauendefizit bei jungen Erwachsenen in verschiedenen Regionen des Ostens, das so großflächig in der Europäischen Union sonst nicht vorkommt. Die Gründe für die hohe Abwanderungsquote ostdeutscher Frauen sind u.a. Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation, größer Bildungserfolg im allgemeinbildenden Schulsystem und geringere Automobilität.

Mittlerweile ist die Entwicklung durch die geschlechtsselektive Abwanderung aus ländlich-peripheren Räumen in die naheliegenden Städte und Regionen geprägt. Unter dem Strich bedeutet das: für die Altersgruppen von 18 bis 24 Jahren sowie 25 bis 29 Jahren verzeichnen viele ostdeutsche Landkreise gegenwärtig über 25 Prozent mehr männliche als weibliche Einwohner. Das unübersehbare Frauendefizit erzeugt bei den »übrig gebliebenen« Männern Gefühle von Ausgrenzung und Minderwertigkeit. Sie schmieden anstelle klassischer Partnerschaften belastbare Netzwerke (die Kumpels). Es entstehen Gegenwelten mit Anerkennungskontexten, in denen das kultiviert und gepflegt wird, was sich vor Ort leben lässt. Gemeinschaftliche Bezüge spielen dabei eine außerordentlich wichtige Rolle für Identität und Zugehörigkeit. Diese Männer bilden eine spezielle Wir-Gruppe mit tendenziell aktionistischer teils extremistischer Denkhaltung. Man findet sie in Fußballfankreisen, Rechtsrockkonzerten oder Demonstrationen völkischer Parteien und Initiativen.

Was geschieht da gerade im Osten?

Im Zusammenspiel von Verlusterfahrung und Verlustangst summiert sich das jüngere kommunikative und das ältere kulturelle kollektive Gedächtnis spezifischer ostdeutscher Wir-Gruppen. Diese Summe führt zu messbaren gesellschaftlichen Abgrenzungstendenzen bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Gemeinschaft. Allen Wir-Gruppen und damit einem nennenswert großen Teil der ostdeutschen Bevölkerung gleich ist nicht nur eine mangelnde Demokratieerfahrung im Sinne der liberalen universalistischen Denktradition. Eine Gesellschaft der tolerierten Gemeinschaften lehnen diese Ostdeutschen zugunsten einer die Minderheit beherrschenden Mehrheit der Volks- oder Menschengemeinschaft überwiegend ab. Die schockartige Begegnung mit kulturellen Praktiken, wie sie sich in der westlichen Welt als subjektives Glücksversprechen entwickeln, der Auftritt einer großen Zahl an Migranten und nicht zuletzt neoliberale Wirtschaftsgebaren plus Globalisierungseffekte werden als fremd und identitätsgefährdend eingeschätzt. Hier setzen populistische Bewegungen und Parteien zielgerichtet an. Populismus ist Verlustunternehmertum unter dem Motto: Nun sollen die anderen verlieren! Die Ostdeutschen als homogene Gruppe zu beschreiben, ist so ungenau wie unsinnig. Es gibt nicht »die Ostdeutschen« als Großkollektiv. Um es deutlich zu sagen: nicht alle Ostdeutschen sind protestantisch geprägt, nicht alle Ostdeutschen sind Nazis, nicht alle Ostdeutschen leben im ländlichen Raum, nicht alle Ostdeutschen litten unter der DDR, nicht alle Ostdeutschen sind alleinstehende Männer, nicht alle Ostdeutschen wählen AfD oder DIE LINKE. Die ostdeutsche Besonderung geschieht da nicht gerade, sondern hat sich historisch begründet ausgebildet. Mit anderen Worten: der Osten war »schon immer« (zu verstehen als eine zeitliche Kategorie des kollektiven Gedächtnisses) anders als der Westen. Der Osten ist die Sollbruchstelle Deutschlands.

Das Literaturverzeichnis kann vom Autor angefordert werden.


Frank Berger

Frank Berger, geboren 1965 in Leipzig. Verheiratet, zwei Kinder, lebt in Leipzig. War Heizer, Sachbearbeiter, Orchesterwart, TV-Aufnahme- und Produktionsleiter, Projektmanager, Geschäftsführer des Europäischen Humor- und Satire-Festivals Lachmesse e.V. und Fachmann für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ist freischaffender Musiker, u.a. 25 Jahre im Leipziger Kabarett academixer. Zurzeit hauptberuflich wissenschaftlicher Mitarbeiter der SPD-Landtagsabgeordneten in Sachsen Martin Dulig (kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion). Schreibt seit 1990 unter dem Pseudonym Frieder List Glossen, Kabarettnummern, Gedichte, Lieder und Miniaturen.

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