Tohuwabohu – Ordnung muß sein, Unordnung aber auch

Peter Winterhoff-Spurk // November 2021

Die Schöpfungsgeschichte II von Franz Marc, 1914 (© Foto: gemeinfrei, wikipedia.org)

‚Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer…‘. So beginnt in der Lutherbibel der Schöpfungsbericht (1. Mose 1,1). Tohuwabohu heißt es im hebräischen Originaltext, öde und ungeordnet. Die Autoren der Genesis brachten rund 1.000 Jahre v.Chr. Ordnung in das heillose Durcheinander. Sie schrieben auf, wie Jahwe die Welt erschuf: Licht, Land, Pflanzen, Gestirne, Fische und Vögel, Tiere auf der Erde und schließlich – die Menschen. Letztere allerdings erwiesen sich unter Ordnungsgesichtspunkten als Fehlschlag: Sie missachteten die einzige Regel, die es im Paradies zu beachten galt – Finger weg vom Baum der Erkenntnis mitten im Garten. Und schlimmer noch: Schon in der ersten Nachparadiesgeneration kam es zum Brudermord.

Das heillose Durcheinander zieht sich seitdem durch die Menschheitsgeschichte, mal mehr, mal weniger. Gegenwärtig scheint es wieder einmal mehr zu sein. Die Pandemie, der Klimawandel, geopolitische Machtverschiebungen, hybride Kriege, ‚frozen conflicts‘, Terrorismus, demokratiefeindliche Gruppierungen und Politiker im In- und Ausland, wachsende soziale Spannungen – die tägliche Nachrichtenrezeption ist inzwischen ein durchaus Mut erfordernder Akt geworden. Nichts mehr übrig von der behaglichen Angstlust der Bürger im Osterspaziergang (Faust I):

Nichts bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
wenn hinten, weit in der Türkei,
die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Ordnung ist das halbe Leben – warum eigentlich?

Verkehrsampel 4 Stadien (© Foto: gemeinfrei, wikipedia.org)

Das sind mal klare Verhältnisse: Die Ampel zeigt ‚Rot‘, also muß ich anhalten, sie zeigt ‚Rot/Gelb – ich kann gleich losfahren, bei ‚Grün‘ tue ich das und bei ‚Gelb‘ allein bremse ich ab, weil gleich wieder ‚Rot‘ kommt.

Der Mensch, weiß, was ihn erwartet und er hat für eine überschaubare Anzahl von Situationsvarianten ein ebenso überschaubares und schnell realisierbares Verhaltensrepertoire parat. Er muss nicht jedes Mal sein Aufmerksamkeitsniveau herauffahren, kann stattdessen Vieles inneren Routinen überlassen: Würde die Ampel aber einmal ‚Violett‘ aufleuchten, wäre der Fahrer irritiert und zur Klärung der unerwarteten Situation herausgefordert.

Ohne solche Standardsituationen könnte der Mensch auf Dauer nicht überleben. Ein ständig auf höchsten Touren arbeitendes Erregungssystem würde erst zur Erschöpfung und später zum Zusammenbruch führen. Deswegen bilden wir Routinen, wo immer es geht. Der Alltag ist voll davon: Schon das Aufstehen, die tägliche Körperpflege und das Frühstück bestehen aus einer Aneinanderreihung hochstandardisierter Mini-Situationen. Abweichungen merkt man schnell und definiert sie sogleich als ‚wrong-hair-days‘ – Tage, an denen von Anfang an alles schief läuft: Der Lebenspartner be-grüßt Dich mit dem Berlichingen-Zitat, dein Föhn knallt durch und an der Stelle des Müslis liegen überzuckerte Donuts.

Die Arbeitssituation, der Feierabend, das Wochenende – eine Welt voller Standardsituationen und dazugehöriger Rituale. So hat der Mensch immer mentale Ressourcen frei, wenn plötzlich etwas Unerwartetes auftritt.

Aber anders als zu Goethes Zeiten gibt es heute einen ständigen Störenfried beim Gläschen Wein am Fenster: Die täglichen Nachrichten. Sie folgen – im TV mehr als in Printmedien – speziellen Gesetzmäßigkeiten, den Nachrichtenwert-Faktoren. Ein Ereignis wird umso eher zur Nachricht, je kürzer, dramatischer und blutiger es ist. ‚Bad news are good news‘ - Terroranschläge, Unfälle und Katastrophen sind daher ideale Medienereignisse.

Die Menschen werden daher einem medialen Dauerfeuer aufregender und angstauslösender Informationen ausgesetzt. Und Angst ist ein Zustand, den sie vermeiden wollen. Eine dafür geeignete Reaktion ist das ‚blame the victim‘-Denkmuster: Danach sind es die Opfer selber schuld, dass es ihnen schlecht geht. Durch diese Attribuierung ist die innere Welt des Betrachters wieder im Lot. Die bessere Variante ist das Spenden: Der Zuschauer hat dadurch das Gefühl, er könne das bedrohliche Elend und damit seine eigene Angst davor mindern. Auf Dauer allerdings entwickelt sich ‚compassion fatigue‘, Mitleidsmüdigkeit, – und irgendwann ist es einfach zu viel. Die Folge: Das gesamte Weltbild wird düster.

Wenn es nur das wäre. Aber es kommen ja auch Ereignisse über uns, die uns nicht nur medial, sondern auch persönlich betreffen. Die 2020er Umfrage der R + VVersicherung zeigt: Die wirtschaftliche Entwicklung, der Klimawandel, Corona und die Migranten zählen zu den Spitzenreitern der Ängste der Deutschen.

Bedrohliche Situationen, denen man nicht ausweichen, die man aber auch nicht verändern kann, führen zu Schwarz-Weiß-Denken, Untertreibung von positiven und Übertreibung von negativen Ereignissen sowie zu Angst und Depression. Um sich davor zu schützen, greifen Menschen zum ‚scape goating‘, dem ‚Sündenbock finden‘. Sie lassen ihre Wut an Gruppen aus, die unbeliebt, gut erkennbar und machtlos sind.

Alles das ist letztlich der Versuch, Ordnung zu schaffen, die Angst vor dem erlebten Tohuwabohu in der Welt im Griff zu behalten. Es wird aber auch deutlich, dass manchen Auffassungen nicht mit rationalen Argumenten beizukommen ist, denn der psychische Hintergrund ist letztlich – Angst.

Ordnung ist das halbe Leben – warum eigentlich?

Joseph Beuys’ Badewanne, München - Städtische Galerie im Lenbachhaus (© Foto Villarreal9: gemeinfrei, wikipedia.org)

Am 3. November 1973 vernichteten die beiden Putzfrauen Marianne Klein und Hilde Müller im Museum Schloß Morsbroich innerhalb von Minuten ein Kunstwerk mit dem Schätzwert von DM 80.000,-- . Es war die berühmte Badewanne von Joseph Beuys, die sie - auf der Suche nach Stühlen für eine SPD-Feier – erst einmal gründlich reinigten, bevor sie zum Gläserspülen verwendet werden sollte. Das Land NRW zahlte dafür fast 60.000,-- Schadenersatz an den Besitzer. ‚Ist das Kunst oder kann das weg ?‘ muss sich seitdem jede Ordnungskraft im Kunstbetrieb fragen.

Zu viel Ordnung kann also auch zerstörerisch wirken. Das Individuum wird zur zwang haften Persönlichkeit, überregulierte Organisationen erreichen ihre Ziele nicht mehr, die Gesellschaft erstarrt in autoritären Strukturen, degeneriert zur Diktatur.

Dagegen hat die Menschheit glücklicherweise ein Mittel entwickelt, das Wahrnehmungs-, Sprach-, Denk- und Verhaltensmuster immer wieder neu in Frage stellt, also zunächst einmal (aber nicht nur und nicht immer) Unordnung schafft: Die Literatur, die bildende und die darstellende Kunst.

Auch wenn eine verpflasterte Badewanne oder manche ‚Performance‘ zu Irritationen und Ratlosigkeit führen, aus diesem Grund muss eine Gesellschaft künstlerische Experimente aushalten. Ob alles aber immer gleich staatlich subventioniert werden muss, ist eine andere Frage – auch der Kulturbetrieb hat ja eine gewisse Neigung zu bürokratischer Ordnung.

Menschen mögen derartige Kunsterlebnisse nicht immer, weil sie ‚cognitive mises‘ sind, kognitive Geizhälse, die ihre gewohnten mentalen Strukturen nur ungern aufgeben. Und oft rühren Kunstwerke an unbewusste Ängste bei Rezipienten, denen diese sich eigentlich gar nicht zuwenden möchten. Oder sie verweisen auf alternative Lebensentwürfe, die für das Publikum unerreichbar sind. Es fühlt sich provoziert und reagiert verärgert. Manche Künstler legen es allerdings auch genau darauf an, denn der ‚succès de scandal‘ füllt ja auch ihren Geldbeutel. Aber auch das ist legitim, ja, mitunter nützlich, könnte das Kunstwerk doch irgendwann und irgendwie einmal in die Alltagskreativität von Durchschnittsbürgern einsickern. Wenn’s so funktioniert, wird die Alltagskreativität die kleine Schwester der Kunst.

Das alles schafft innere Unordnung, manchmal auch ein mentales Tohuwabohu, aber das Infragestellen und Verändern von Wahrnehmungs-, Sprach-, Denk- , Fühl- und Verhaltensmustern , die Zuwendung zu verborgenen seelischen Prozessen, das gedankliche Durchspielen alternativer Lebensentwürfe kann Menschen auch öffnen, sie aus Erstarrungen lösen und ihnen die innere Kraft geben, mit der Welt besser umgehen zu können.

Aus: OPUS. Kulturmagazin für das Saarland und die Großregion Rheinland-Pfalz, Rhein-Main und Rhein-Neckar, November/Dezember 2021, S.66-67. Wir danken dem Verlag Saarkultur gGmbH Saarbrücken für die Abdruckgenehmigung.

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Barocke Grenzgänge

Wolfgang Felk und Jürgen Proföhr

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