Vergessene Kinder
Claudia Spurk // Januar 2025
Claudia Spurk // Januar 2025
© Claudia Spurk
Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie jetzt weiterscrollen, tun Sie genau das, was diesen Kindern so häufig passiert – sie werden übersehen, nicht wahrgenommen, vergessen zu Hause, in der Schule, von Beratern.
Dabei sind sie nicht einmal eine Randgruppe: Ca. 2,7 Millionen Kinder leben z. Z. mit alkoholkranken Eltern zusammen, geschätzte 6 Millionen Erwachsene in Deutschland wuchsen in süchtigen Familien auf. Was macht das mit diesen Kindern? Wie wirkt es sich auf Ihr Verhalten als Erwachsene aus? Ist es so, wie viele abhängige Eltern meinen: „So schlimm ist es doch gar nicht.“ „Kinder vergessen schnell“.
Wirklich?
Und: Alkoholismus ist absolut kein Unterschichtsphänomen!
Kinder brauchen Verlässlichkeit und Geborgenheit, Zuwendung und Aufmerksamkeit. Wie sieht es bei Kindern von Alkoholabhängigen (Children of Addicts = COAs) aus? Der Alkoholkonsum ist die prägende Lebenserfahrung dieser Kinder. Sie können nicht verstehen, wie sich Mama oder Papa unter Alkoholeinwirkung verändern. Sie erleben die suchtkranke Mutter/den suchtkranken Vater als jemanden, der in zwei Persönlichkeiten zerfällt: eine, die trinkt, dabei unberechenbar wird und eine, die ihre Kinder liebt. Sie erleben, dass Versprechen und Ankündigungen nicht eingehalten werden, der Wunsch nach Verlässlichkeit und Geborgenheit häufig gar nicht oder nur phasenweise eingelöst wird. Streit, Wutausbrüche, Hilflosigkeit, aber auch übertriebenes Klammern des Alkoholikers gehören zu den Begleiterscheinungen der „nassen Phasen“. Dabei kann es zu Gewalt und Übergriffen kommen, auch sexueller Missbrauch kann eine Folge sein. Die Gefühle zu den Eltern sind häufig ambivalent: Auf der einen Seite Wut, Hass, Angst und auf der anderen Seite Liebe. (mehr in: Mielke, H./NACOA, Esch, A., 2012)
Die ständige Hoffnung der Kinder, dass der Horror zu Ende geht oder nicht wieder kehren wird – umsonst: Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit sind die Folge. Die extremen emotionalen Wechselbäder des süchtigen Elternteils verunsichern die Kinder, sie erleben die Situation als unberechenbar und entwickeln eine hohe Sensibilität für kleinste Anzeichen von Stimmungsänderungen. Ein permanenter Schleier von Angst liegt über ihnen. Sie lernen sehr früh: “Nichts ist im Leben sicher.“ Und „Verlass´ Dich auf nichts und niemanden!“ (mehr in: Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz, 2018, Drogenbeauftragter der Bundesregierung, 2017)
Immense Schuld- und Ohnmachtsgefühle bedrücken sie: Liegt es an ihrem Verhalten, dass Papa oder Mama trinkt, sind sie nicht gut genug, nicht liebenswert? Was müssen sie tun, damit es aufhört? Sie versuchen, dem kranken Elternteil zu helfen, müssen aber immer wieder erleben, dass sie scheitern. Sie sind ohnmächtig, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen. Statt dass sich um sie gekümmert wird, übernehmen sie selbst Aufgaben und Verantwortung, für die sie viel zu klein sind: Sie kümmern sich um den Haushalt und um jüngere Geschwister, besorgen Alkohol oder schütten ihn weg, versorgen das betrunkene Elternteil, hören sich die Probleme der Eltern an, entschuldigen, rechtfertigen die Sucht, lügen und vertuschen, versuchen, das Chaos zu kontrollieren etc. Sie werden zu Eltern ihrer Eltern (Parentifizierung). Und sie versuchen, das kranke Elternteil von seiner Sucht wegzukriegen, es zu retten. Kontrolle wird ein beherrschendes Thema. Dass sie dabei immer wieder scheitern (müssen), erleben sie häufig als eigenes Versagen. Die permanente Machtlosigkeit wird zur Resignation und gräbt sich ein: „Es hat ja doch alles keinen Sinn, man kann nichts machen.“
Die Kinder lernen sehr früh, sich an das wichtigste Gesetz der Familie zu halten: Rede nicht! Das Bild der Familie nach außen muss aufrechterhalten werden. So lernen sie, nicht über sich und das, was in der Familie passiert, zu reden. Sie beginnen zu lügen, Kulissen aufzubauen, zu vertuschen. Die Familie wird nach außen abgeschottet. Kontakte, spontane Besuche, Freundschaften sind schwierig. Die Familie wird zur „Burg“, die Zugbrücke nur selten herabgelassen. Die Scham ist enorm: Die Familie wird beobachtet, stigmatisiert. Die Kinder empfinden sich als Außenseiter: „Unsere Familie ist nicht normal. Aber was ist normal?“ und „Ich bin anders als die Anderen.“ (mehr in: Woititz, J., 2000)
Das Schweigen und Kaschieren gilt auch innerhalb der Familie: Auch dort ist die Sucht ein Tabu, über das nicht gesprochen werden darf, ebenso wenig wie über die Belastungen für die Familie und speziell die Kinder. Dies führt schnell zur Isolation und großer Einsamkeit, nach außen wie auch innerhalb der Familie. Die extremen Gefühle, die die Suchtphasen begleiten, werden mit enorm viel Energie unterdrückt. Ärger wird versucht zu rationalisieren und richtet sich häufig nach innen. Dies ist eine mögliche Ursache der Traurigkeit und Depression, unter denen Alkoholiker-Kinder vermehrt leiden. Nur wenn das Fass zum Überlaufen kommt, kann der aufgestaute Ärger in rasende Wut umschlagen. Das Stresslevel ist dauerhaft deutlich höher als bei anderen Kindern. Sie sind permanent im Alarmzustand. Über ihre Gefühle und Probleme wird aber nicht gesprochen.
Alkoholiker-Familien sind extrem dysfunktionale Systeme, die durch die Suchterkrankung aus der Balance geraten sind. Um diese wieder herzustellen, übernehmen die Kinder häufig verschiedene Rollen wie Held/Heldin, schwarzes Schaf, Clown und stilles/verlorenes Kind u. ä, die helfen sollen, das System wieder in Balance zu bringen. Die Not der Kinder aber wird übersehen. Sie werden zu „vergessenen Kindern“. (mehr in: NACOA, Kolitzus, H., 2013)
Interessanterweise stellten die erwachsenen Kinder den Zusammenhang zwischen dem Suchtverhalten und den eigenen Schwierigkeiten häufig nicht her. Aber es zeigen sich in vielen Lebensläufen typische Muster:
So sehnen sich viele COAs nach Bestätigung und Aufmerksamkeit und fragen sich immer wieder verunsichert: „Was ist normal?“. Sie beurteilen sich selbst, ihre Fähigkeiten und ihr Verhalten meist äußerst kritisch, manchmal fast gnadenlos. Die meisten tun sich schwer, wenn es um Nähe und Partnerschaft geht: ein Teil sucht symbiotische Nähe, während der andere sich auf keine, lediglich oberflächliche oder kurze Beziehungen einlassen kann. Die Tendenz zur Überverantwortlichkeit, Kontrolle, sowie die Schwierigkeit, sich von anderen abzugrenzen zeigt sich auch in anderen sozialen Beziehungen. Sie leiden oft unter Selbstzweifeln und Angst vor Kritik. Scham- und Schuldgefühle sind schnell präsent. Konflikte werden häufig verdrängt, beiseitegeschoben („hat ja sowieso keinen Zweck“), durch Macht/Gewalt oder Rückzug entschieden. Überzufällig häufig finden sich Ängste, Panikattacken, Depressionen und psychosomatische Beschwerden. Etwa ein Drittel der Kinder alkoholabhängiger Eltern wird als Erwachsener selbst suchtkrank, wobei die Söhne alkoholkranker Väter besonders gefährdet sind. Auch die Gefahr in die Co-Abhängigkeit abzugleiten ist groß: besonders bei Frauen gibt es die Tendenz, eine Beziehung mit einem Alkoholiker einzugehen und so das alte Muster wieder neu zu aktivieren.
Nur ob sich diese Verhaltensweisen zeigen, welche auftreten und in welcher Stärke, ist individuell sehr verschieden. (mehr in: Lambrou, U. 2010, Barnowski-Geiser, W. 2019)
Aber es gibt ein großes „Trotz allem“: Diese Kinder haben viel erlitten und seelische Not ertragen, aber etwa ein Drittel übersteht dies relativ unbeschadet. Sie besitzen Resilienz (Widerstandsfähigkeit), haben spezifische Kompetenzen entwickelt, die sich in ihrem späteren Leben als wichtige Ressourcen erweisen können.
Ein wichtiger Faktor für die Entwicklung von Resilienz ist ein funktionierendes Elternteil, das zuverlässig die Kinder liebt und versorgt. Falls das Elternteil dies nicht oder nur eingeschränkt einlösen kann, ist eine erwachsene Vertrauensperson außerhalb der Kernfamilie dringend nötig. Diese Person (Oma, Opa, Tante, Onkel, Eltern von Freunden, Erzieher etc.) hilft, indem sie präsent ist, zuhört, stabil Zuneigung entgegenbringt. In altersgemäßer Form sollten die Kinder auch erfahren, dass Sucht eine Krankheit ist, dass sie keine Schuld haben, das Problem nicht lösen können, aber ein Recht darauf haben, Kind zu sein. Darüber hinaus stärken und schützen auch eigene Freizeitaktivitäten in Jugendgruppen, Sportvereinen, Selbsthilfegruppen etc. Sie bringen nicht nur Kontakte außerhalb der Kernfamilie, sie können auch die Last des Einzelkämpfertums verringern. Die Kinder lernen zudem Unterstützung anzunehmen und Möglichkeiten, Konflikte und Probleme positiv zu lösen. Auch das Selbstwertgefühl kann so gestärkt werden. (mehr in: Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz 2018, Mielke, H., NACOA)
Liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben den „vergessenen Kindern“ für eine Weile Ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Vielleicht sind Sie dabei über einige rätselhafte Verhaltensweisen Ihres Partners/Ihrer Partnerin oder des ein oder anderen Bekannten ins Grübeln gekommen? Und Sie, liebe CoA-Leserinnen und -Leser, seien Sie stolz auf das kleine, tapfere Kind, das Sie waren und auf Ihre heutigen Kompetenzen und Ressourcen, die Sie unter schwierigsten Bedingungen entwickelt haben!
Mehr Informationen unter:
Aus OPUS Kulturmagazin für das Saarland und die Großregion Rheinland-Pfalz, Rhein-Main und Rhein-Neckar. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers der Kulturzeitschrift OPUS, Dr. Kurt Bohr.

Dipl. Psych. Claudia Spurk hat an der Universität Mannheim Psychologie, Pädagogik und Soziologie studiert. Sie war über dreißig Jahre als selbständige Trainerin, Coach und Organisationsentwicklerin tätig, bevor sie Mitinhaberin des Verlags: J.G. Seume wurde. Sie schreibt für die Zeitschrift OPUS, das spartenübergreifende Kulturmagazin für die Großregion Saar-Lor-Lux, Rheinland-Pfalz, Rhein-Main und Rhein-Neckar.
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