Wiener Blut

Peter Winterhoff-Spurk // Dezember 2017

Johann-Strauß-Denkmal im Wiener Stadtpark (© Foto: ThomasLedl gemeinfrei, wikipedia.org)
„Ich darf rühmen dass ich in Wien überall mit einer Bonhomie und Gefälligkeit behandelt worden bin , die man … in Residenzen nicht so gewöhnlich findet.“

Das schreibt der knorrige Syrakus-Wanderer Johann Gottfried Seume nach seinem 14tägigen Aufenthalt in der habsburgischen Residenz.

Auch heute verbindet der Tourist ‚Wien‘ mit ‚Gemütlichkeit‘ und die Stadt tut viel, um ihren Besuchern diesen Eindruck zu vermitteln: Da wird durch die Innenstadt fiakert, was das Pferd aushält, beim Heurigen die tiefe Erkenntnis (“ und wir wer‘n nimmer san…“) melancholisch besungen und am Neujahrsmorgen verkatert beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker mit gesummt: ‚Dididiii dididiiii dididi dididi dididi…“ Ja, das ist Wien. Auch. Aber es ist so viel mehr – die Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur, ein Eldorado der Bildenden Kunst, Geburtsort der bitterbösen Gesellschaftskritik, Heimat des besten deutschsprachigen Theaters, Wiege der Wiener Klassik und moderner Musik. Je tiefer man bohrt, umso mehr überwältigt das allgemeine kulturelle Reizklima dieser Stadt, besonders aber die Grenzorte, drei von ihnen werden vorgestellt: Verborgen, kurios, beeindruckend.

‚… und wir wern nimmer sain…‘
Falcos Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof, Winter 2001 (© Foto: Claudia Spurk)

„Der Tod, das muss ein Wiener sein“, singt Georg Kreißler. Das lässt sich nirgendwo so gut erleben, wie auf dem Wiener Zentralfriedhof. Drei Millionen Tote drängeln sich in rund 330.000 Gräbern, darunter Beethoven, Brahms, Salieri, Schubert, Schönberg, Curd und Udo Jürgens, Nestroy, Hans Moser, Franz Werfel, beide Straußens – und Falco, dessen Grab noch immer eine ‚Pilgerstätte‘ seiner Fans ist. Und natürlich: Alle österreichischen Bundespräsidenten seit 1945.

Aber Gräberhopping ist nicht grade faszinierend. „Da liegen’s halt“, denkt man. Interessant ist vielmehr die Entwicklung der Begräbniskultur in Wien, allem voran: Die Friedhofskirche. Sie ist – ausgerechnet – im Jugendstil erbaut, das aber in seiner schönsten Form. Individuell trauern kann man dort nicht, der Bau hat die kühle Repräsentativität eines romanischen Kaiserdoms. Deswegen haben sich wohl auch einige Heiligenfiguren eingeschmuggelt, vor denen die Hinterbliebenen Trost suchen. Rührend und skurril zugleich, wie es sich dort hineinmenschelt.

Der Höhepunkt ist zweifellos das Bestattungsmuseum – eines von rund 20 Sepulkralmuseen weltweit. Da wird deutlich, dass Beerdigungen und Grabmale fast ausschließlich weltliche Inszenierungen sind, bei denen der soziale Status des lieben Verstorbenen und seiner Familie für alle Anderen noch einmal definiert wird. ‚A schöne Leich‘ meint nicht das Antlitz des Vonunsgegangenen, sondern den teuren Trauerzug nach spanischem Hofzeremoniell. 250 Objekte stehen dort zum Gruseln bereit – vom Rettungswecker bei befürchtetem Scheintod bis zum Josephinischen Gemeindesarg. Wem das nicht reicht, der kann sich im Souvenirladen eine Zigarettenschachtel mit dem Aufdruck ‚Rauchen schafft Arbeitsplätze – Bestattung Wien‘ kaufen oder an der Langen Nacht des Bestattungsmuseums teilnehmen.

‚Erbbiologisch und sozial minderwertig‘

Ein anderer Grenzort: Das Figurentheater Schubert. Figurentheater – Kasperle, Augsburger Puppenkiste, Dr. Faustus? Nein, es geht um Figurentheater für Erwachsene.

Figurentheater Schubert in Wien (© Foto: Anna gemeinfrei, wikipedia.org)

Während das zeitgenössische (Menschen-) Theater viel zu oft versucht, seine Zuschauer mit dröhnenden Bässen, Videoaufnahmen, Blut, nackten Schauspieler, schrägen Bühnen, Feuer, Nebelschwaden und überschwemmten Bühnen zu beeindrucken, setzt das Figurentheater auf das Gegenteil: Reizarmut statt Reizüberflutung. Der im Menschentheater oft genug sensorisch völlig überforderte Zuschauer erhält hier die Interpretationssouveränität zurück. Das Stück findet hauptsächlich in seinem Kopf statt. Er selbst muss hinzufügen, was auf der Bühne fehlt. Dieses Erlebnis kann dermaßen tief gehend sein, dass man sich nicht wundern würde, die Spielfiguren nach der Aufführung im Theatercafe an der Bar sitzend zu sehen. Durch die projektive Arbeit des Zuschauers gewinnen die Stücke eine unglaubliche Intensität.

Ein Stück des Wiener Schuberttheaters zeigt das so eindringlich, das der Wienbesucher es unbedingt ansehen sollte: ‚F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig‘. Es geht um das reale Leben von Friedrich Zawrel. Er fiel als Kind in die Wiener Euthanasieanstalt ‚Am Spiegelgrund‘ in die Hände des Arztes Dr. Gross, der ihn mit ‚medizinischen Versuchen‘ quälte. Zawrel überlebte und begegnete dem in der Nachkriegszeit zu hohen Ehren gelangten Arzt erneut in einem gerichtsmedizinischen Begutachtungsverfahren. Der Arzt beurteilt ihn – wie schon in der Nazi-Zeit – als ‚erbbiologisch und sozial minderwertig‘. Zawrel muss daraufhin für viele Jahre ins Gefängnis, erst 1981 kommt er wieder auf freien Fuß. Das Stück – in direkter Zusammenarbeit mit Zawrel entstanden – erzählt seine Leidensgeschichte: Umwerfend.

‚Der magische Raum‘
Schloßtheater Český Krumlov in Wien (© Foto: VitVit gemeinfrei, wikipedia.org)

Noch so ein verborgenes Kleinod: Das Wiener Theatermuseum. Versteckt unter dem Dach findet sich eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Bühnenraums. Die Simultanbühne – als die früheste, aus den Passionsspielen entstandene Form des Bühnenraums – bietet dem Zuschauer alle bespielten Plätze gleichzeitig dar, er wandert mit den Darbietungen von Ort zu Ort. In einem Modell der Donaueschinger Passionsspiele beispielsweise findet das letzte Abendmahl vor dem Dorfwirtshaus statt. Die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit wird aufgelöst. Die Handlung spielt für den Zuschauer ganzheitlich, im hier und jetzt.

Erst in der Renaissance und im Barock entstand der geschlossene Bühnenraum der Guckkasten- oder Kulissenbühne mit seiner zum Zuschauer hin offenen ‚vierten Wand‘. Hintereinander geschobene Kulissen vermitteln den Eindruck von räumlicher Tiefe, gespielt wurde gleichwohl überwiegend im vorderen Teil der Bühne. Auch die moderne Drehbühne ist eine Variante der Kulissenbühne. Gegenüber der Simultanbühne wird das Theater nunmehr artifizieller aber zugleich konzentrierter.

Neu sind Versuche, die Bühne zu einem Raum zu machen: Die Raumbühne ermöglicht dem Zuschauer die Sicht von allen Seiten auf das Bühnengeschehen. Er wird (wieder?) stärker einbezogen in das Geschehen, das aber im geschlossenen Theaterraum verbleibt. In einer zweiten Ausstellung zeigt das Museum unter dem Titel ‚Der magische Raum – Bühne, Bild, Modell‘ Modelle von konkreten Bühnenbildern auf den jeweiligen Bühnenräumen der verschiedenen Epochen.

Und dann gibt es noch eine ganz zarte Zugabe obendrauf: Das Figurentheater von Richard Teschner. Teschner erfand in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Figurenspiegel, der den Guckkasten ersetzen sollte. Hinter einem Hohlspiegel erzählen von Puppenspielern geführte Stabfiguren wortlos Geschichten, die den intimen Zuschauerkreis – es gehen nur etwa 40 Zuschauer in das Theaterchen – mitnehmen auf eine Traumreise.

‚ … das Feld hier zu groß …‘

Noch einmal zurück zu Johann Gottfried Seume: Er war vom Wiener Kulturleben offensichtlich ein wenig überfordert. Im ‚Spaziergang nach Syrakus’ schreibt er (1960, S. 42): „Für Kunstsachen und gelehrtes Wesen habe ich…nur selten eine glückliche Stimmung; ich will Dir also, zumal das Feld hier zu groß ist, darüber nichts weiter sagen.“ Dann also: Selbst hinfahren!

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