Stimmen zu Johann Gottfried Seume


Besprechung aus angezettelt. Das Informationsblatt des Sächsischen Literaturrates e.V. (Ausgabe Nr. 3/2018, S. 35).

angezettelt


Prof. Dr. Inge Stephan (Seniorprofessorin an der Humboldt-Universität Berlin) in der Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXVIII (2018, H. 3, S. 659):

Wie wichtig ein solcher Band sein könnte, zeigt das von otto Werner Förster veröffentlichte Buch Johann Gottfried Seume. Sein Leben, erzählt von einem Freund. Förster, ehemaliger Vorsitzender der Johann Gottfried – Seume – Gesellschaft zu Leipzig und engagierter Seume – Freund, hat in dem von ihm jüngst gegründeten J. G. Seume Verlag ein liebevoll gestaltetes Erinnerungsbuch herausgebracht, in dem zahlreiche Bilder, Faksimiles und Auszüge aus Texten von Seume versammelt sind, der für den Autor „ein Vorbild an Mut und Aufrichtigkeit in politisch schwierigen Zeiten“ (Klappentext) ist. Dass Begeisterung durchaus Unbekanntes zu Tage fördern kann, zeigt ein Gemälde von Seumes Arzt Christian Gottfried Carl Braune (vgl. S. 130), von dem Sangmeister offensichtlich nichts wusste, wenn er schreibt, dass von Braune kein Bild existiert (vgl. S. 147).


Ralf Julke von L-IZ.de – LEIPZIGER INTERNET ZEITUNG, 8.3.2018
Zum Artikel: Buchpremiere für Leipzigs berühmtesten Wanderer am 8. März

Für Otto Werner Förster beginnt die Leipziger Buchmesse schon heute, am 8. März. Zwar nicht mit einem Hohelied auf die Frauen, aber eigentlich mit einem genauso wichtigen Buch. Eines, mit dem er wieder eine Lanze schlägt für einen der wichtigsten Leipziger Schriftsteller, der meist völlig zu Unrecht reduziert wird auf ein paar ausgelatschte Wanderstiefel: Johann Gottfried Seume. Heute stellt er sein neues Buch vor.

Und auch Prof. Dr. Peter Winterhoff-Spurk, in dessen J.G. Seume Verlag das Buch erscheint, weist in seiner Einladung zur Buchvorstellung auf diese landläufige Verknappung hin, die aus einem der kritischsten Leipziger Autoren im Gedächtnis der Zeit quasi einen ewigen Wanderer gemacht hat.

„Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge“, zitiert Winterhoff-Spurk einen der bekanntesten Aussprüche Seumes. In dem aber auch schon alles steckt.

Vor kurzem – 2013 – wurde der 250. Geburtstag Seumes gefeiert. Und natürlich stand wieder der alte Topos im Mittelpunkt: der Wanderer nach Syrakus.

Kaum ein Wanderverein, der sich nicht auf Seume beruft, stöhnt Winterhoff-Spurk. Die eigentliche – zeitlose – Substanz von Seumes Schriften aber ist die scharfsichtige Kritik seiner Zeit und diverser ahumaner Zustande. Oder einmal so formuliert: Seume wanderte nicht wie ein Tourist durch die Landschaft, sondern mit kritischem Blick auf alles, was er sah, seine Texte sind genaue und unromantische Schilderungen einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, deren doppelten Boden er nur zu gut kannte.

Und natürlich hatte der Kenner der Leipziger Literaturgeschichte Otto Werner Förster allen Anlass, diese falsche Sicht auf Seume – die ihn im Kanon der deutschen Literatur auch regelrecht entwertet – geradezurücken. Was nicht einfach ist, seit die deutschen kaiserlichen Professoren vor 150 Jahren den deutschen Klassiker-Kanon mit Goethe und Schiller besetzt haben. Die kluge, gesellschaftskritische Literatur in ihrem „Schatten“ wird seitdem fast immer ausgeblendet und nicht für voll genommen.

Förster selbst schreibt dazu: „Lese ich Seume, bin ich immer wieder erstaunt über seine treffende Sicht auf die Zeit. Und dass sich nach mehr als zwei Jahrhunderten so viel scheinbar nicht verändert hat: … Seume schreibt, was er denkt, mit einem Bildungshintergrund und –Horizont, der weit mehr ist als ‚Wissen‘: nämlich Durchschauen der Verhältnisse, Weltsicht, Verantwortung. Solche Sicht auf die Dinge schafft nicht nur Freunde. Aber angepasst an die gängige Meinung hat er sich nie. Ein ‚Selbst-denker‘ und wichtiger Autor, dem Aufklärungsjahrhundert verpflichtet und nur seinem Gewissen …“

Verraten darf man auch, dass der Germanist und Historiker Dr. Otto Werner Förster auch mal Vorsitzender der Johann-Gottfried-Seume Gesellschaft zu Leipzig war. Auch das verpflichtet.


Das OPUS Kulturmagazin findet: “… Biographie rückt Johann Gottfried Seume ins richtige Licht …”
(Ausgabe Juli/August 2018 Nr. 68, S. 145.)